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Auszüge aus
Geschichten der Rechtschaffenen
für Jung und Alt
von
Ajatollah Morteza Motahhari
Übersetzt und herausgegeben von der Botschaft der Islamischen Republik Iran, Presse-
und Kulturabteilung, Bonn, Juli 1985
Überarbeitet und nachgedruckt von:
Islamischer Weg e.V.
Postfach 1321
27733 Delmenhorst
Neuauflage: 1997
Abkürzungen
a.s. Frieden sei mit ihm bzw. ihnen
[caleyhis-sal ~m, caleyhumma sal~m]
s.a.s. der Friede sei mit ihm
und mit den Reinen seiner auserwählten Familie [ allall~hu calayhi
wa ~lih§ wa
sallam]

Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Vorwort
Abstrakte, ethische Grundsätze scheitern nicht selten daran, daß
diejenigen, die sie aufstellen, nicht danach leben: Sei es, daß sie die nötige
Glaubensstärke nicht besitzen, sei es, daß sie die Menschen zu Handlungen auffordern,
deren Erfüllung ihrer existentiellen Bestimmung und ihrer natürlichen Konstitution
zuwiderläuft. Moralisches Verhalten kann von der jüngeren Generation und von den
kommenden Generationen verlangt werden, wenn ihnen dies mit Worten und Taten vorgelebt
wurde und vorgelebt wird. Nicht selten ist die befürchtete geistige Krise der jüngeren
Generation im Verhalten der älteren vorprogrammiert.
Wenn der Glaube der jüngeren an die Grundsätze der Älteren gestärkt
werden soll, muß mit anschaulichen Beispielen gezeigt werden, wer, wann, wo und mit
welchem Erfolg gehandelt hat. Das ist die Intention dieser kleinen Sammlung der Geschichten
der Rechtschaffenen. Sie soll zeigen, wie die Rechtschaffenen unserer
Glaubensgemeinschaft in ihrem Verhältnis zu ihren Mitmenschen gedacht und gehandelt
haben. Mit diesem Büchlein, das in einer leicht erfaßbaren Sprache und Schrift
geschrieben worden ist, möchten wir vor allem die jüngeren Leser erreichen.
Der Prophet und die zwei
Gruppen
Der Prophet (s.a.s.) betrat einmal die Moschee und wurde auf zwei
Gruppen aufmerksam. Beide Gruppen waren beschäftigt: die eine mit Beten und die andere
mit dem Lehren und Lernen. Mit Freude beobachtete er beide Gruppen und wandte sich an
seine Begleiter: "Beide Gruppen tun Gutes und sind auf dem Weg zur
Glückseligkeit. Doch ich bin gekommen, um zu lehren und aufzuklären", sagte er,
schloß sich der Gruppe der Lehrenden und Lernenden an und setzte sich zu ihnen. 1
Die Fürbitte
Ein Mann kam aufgeregt zu Imam Sadiq (a.s.) und sagte: "Beten
Sie für mich, damit Gott es mir erleichtert, meinen Lebensunterhalt zu verdienen, denn
ich bin arm und notleidend." Imam Sadiq (a.s.) antwortete, "das werde ich
niemals tun."
"Warum wollen Sie nicht für mich beten?", fragte der
Mann. Imam Sadiq (a.s.) antwortete: "Weil Gott uns zu diesem Zweck einen anderen
Weg gewiesen hat. Er hat befohlen, das tägliche Brot zu suchen und danach zu streben. Du
willst aber zu Hause bleiben und das tägliche Brot mit einem Gebet zu dir kommen
lassen."2
Der Reisegefährte auf
der Pilgerfahrt
Ein Mann, der von einer Pilgerfahrt zurückgekehrt war, berichtete Imam
Sadiq (a.s.) über diese Reise. Er war besonders voll des Lobes über einen seiner
Reisebegleiter: Was für ein vorzüglicher Mensch er doch gewesen sei. Sie seien alle
stolz darauf gewesen, solch einen noblen Herrn begleiten zu dürfen. Seine ganze Zeit habe
er dem Beten gewidmet. Sobald sie Rast machten, habe er sich zurückgezogen, seinen
Gebetsteppich ausgebreitet und weitergebetet. Imam Sadiq (a.s.) fragte: "Und wer
hat seine Arbeiten erledigt und sein Tier versorgt?"
Der Mann antwortete: "Wir hatten natürlich die Ehre, diese
Arbeiten für ihn zu erledigen. Er war so mit seinen heiligen Pflichten beschäftigt, daß
er sich nicht um diese Dinge kümmern konnte."
-"Dann ist jeder von euch besser als er", sagte der Imam.
Das gemeinsame Essen
Der Prophet (s.a.s.), seine Gefährten und Helfer stiegen von ihren
Reittieren ab, stellten die Lasten auf den Boden und beschlossen, einen Hammel zu
schlachten und zuzubereiten. "Ich schlachte den Hammel", sagte einer der
Gefährten. "Ich ziehe das Fell ab", sagte ein anderer. "Ich
übernehme das Kochen", sagte der dritte. "Dann übernehme ich das
Holzsammeln in der Wüste", sagte der Prophet. "Bemüht Euch nicht,
Gesandter Gottes, macht es Euch gemütlich. Es ist uns eine Ehre, diese Arbeiten zu
erledigen", sagten die Begleiter. "Ich weiß, daß ihr das für mich tun
wollt, doch Gott sieht es nicht gerne, wenn eines seiner Geschöpfe eine Sonderstellung
unter seinen Freunden beansprucht", sagte der Prophet, ging in die Wüste und
sammelte Disteln und Grashalme.3
Eine Karawane auf der
Pilgerfahrt
Eine aus Muslimen bestehende Karawane befand sich auf einer Pilgerfahrt
nach Mekka. Als sie in Medina ankam, legte sie einige Tage Rast ein und setzte dann die
Reise in Richtung Mekka fort. An einem Rastplatz zwischen Mekka und Medina begegneten die
Reisenden einem Mann, den sie kannten. Während sich dieser Mann mit ihnen unterhielt,
wurde er auf einen tugendhaft aussehenden Mann aufmerksam, der mit Freude und Eifer den
Reisenden diente und die Arbeiten für sie erledigte. Er erkannte diesen auf den ersten
Blick und fragte verwundert die Reisenden: "Kennt ihr diesen Mann, der euch
dient?"
Sie antworteten: "Nein, wir kennen ihn nicht. Er schloß sich
unserer Karawane in Medina an. Er ist ein rechtschaffener, gottesfürchtiger und
tugendhafter Mann. Wir haben ihn nicht gebeten, etwas für uns zu tun. Aber er möchte
sich sehr gerne nützlich machen und uns anderen bei der Arbeit behilflich sein."
- "Ich sehe, ihr kennt ihn nicht, sonst wäret ihr nicht so
dreist, ihn wie einen Diener eure Arbeiten tun zu lassen."
- "Wer ist denn diese Person?"
- "Er ist Ali, Sohn des Husayn."4
Die Versammelten sprangen erregt auf und wollten als Zeichen der
Entschuldigung dem Imam die Hand küssen. Sie beschwerten sich: "Was tun Sie uns
da an? Was wäre, wenn wir uns Ihnen gegenüber ungebührlich benommen hätten? Dann
hätten wir eine große Schuld auf uns geladen." Der Imam sagte: "Ich
habe euch absichtlich als meine Reisegefährten ausgesucht, weil ihr mich nicht kennt.
Leute, die mich kennen, lassen aus Liebe zum Gesandten Gottes nicht zu, daß ich auf
Reisen eine Arbeit übernehme und ihnen diene. Daher suche ich mir Mitreisende aus, die
mich nicht kennen und denen ich mich nicht vorstelle, so daß mir das Glück zuteil wird,
meinen Gefährten zu dienen."5
Der Muslim
und der Anhänger der Schriftreligion
Kufa war einst das Zentrum des Islamischen Staates. Das ganze
Islamische Reich außer Syrien blickte auf diese Stadt und war auf die Anweisungen und
Entscheidungen gespannt, die von dort kamen.
Auf einem Weg außerhalb dieser Stadt begegneten sich zwei Männer, ein
Muslim und ein Anhänger der Buchreligion (also z.B. Jude, Christ oder
Zoroastrier). Sie
fragten einander nach ihrem Reiseziel. Der Muslim war auf dem Weg nach Kufa, der Anhänger
der Buchreligion wollte zu einem anderen nahegelegenen Ort gehen. Sie beschlossen, den
gemeinsamen Teil des Weges einander zu begleiten und die Zeit in Gesellschaft zu
verbringen. Die gemeinsame Strecke legten sie im herzlichen Gespräch zurück. An der
Kreuzung, wo sich ihre Wege trennten, bemerkte der Anhänger der Buchreligion verwundert,
daß sein muslimischer Weggefährte nicht den Weg nach Kufa einschlug, sondern mit ihm in
die andere Richtung weiterging. "Wolltest du denn nicht nach Kufa?",
fragte er, "warum gehst du dann in diese Richtung? Sie führt nicht nach
Kufa." Der Muslim antwortete: "Ich weiß. Ich möchte dich noch ein
Stück begleiten. Unser Prophet hat gesagt: Wenn sich zwei Menschen auf dem Weg
Gesellschaft leisten, sind sie einander zu Dank verpflichtet. Nun bin ich dir Dank
schuldig und möchte dich daher einige Schritte begleiten. Dann werde ich natürlich
meinen Weg weitergehen".
"Zweifellos hat euer Prophet seine Macht und seinen Einfluß unter
den Menschen und die rasche Verbreitung seiner Religion in der Welt dieser moralischen
Haltung zu verdanken", sagte der Anhänger der
Schriftreligion.
Als der Mann erfuhr, daß sein muslimischer Weggefährte der damalige
Khalif Ali Ibn Abutalib (a.s.) war, empfand er große Bewunderung für ihn. Es dauerte
nicht lange, bis dieser Mann Muslim wurde und zu den überzeugten und opferbereiten
Gefährten Imam Alis (a.s.) gehörte.6
Im Gefolge des Khalifen
Auf dem Wege nach Kufa kam Imam Ali (a.s.) in der Stadt Anwar an, deren
Bevölkerung Perser waren. Die persischen Honoratioren und die Bauern waren erfreut, das
ihr geliebter Khalif durch die Stadt zog. Sie bereiteten ihm einen herzlichen Empfang. Als
sich Imam Alis (a.s.) Pferd in Bewegung setzte, liefen die Leute vor dem Pferd her. Imam
Ali (a.s.) rief sie zu sich und fragte: "Warum lauft ihr so? Was bedeutet
das?" Die Leute antworteten: "Das ist eine Art Hochachtung, die wir
unseren Herrschern und verehrten Persönlichkeiten entgegenbringen, eine Art Sitte und
Höflichkeitsbezeigung, die bei uns so üblich ist." Imam Ali (a.s.) sagte
daraufhin: "Das macht euch in dieser Welt zu schaffen und beschert euch Unglück
in der anderen Welt. Unterlaßt alles, was euch erniedrigt. Im übrigen, was haben diese
Leute davon, wenn ihr so etwas tut?"7
Bitte um einen guten Rat
Ein Mann aus der Wüste kam nach Medina, ging zu dem Propheten (s.a.s.)
und bat ihn um einen guten Rat. "Zügle deinen Zorn", sagte der Prophet
und schwieg. Der Mann kehrte zu seinem Stamm zurück. Dort erfuhr er, daß sich in seiner
Abwesenheit ein wichtiger Vorfall ereignet hatte: Junge Männer seines Stammes hatten das
Eigentum eines anderen Stammes geraubt, und die Angehörigen des betreffenden Stammes
hatten sich dafür gerächt. Allmählich war eine ernste Lage entstanden. Beide Stämme
hatten sich auf einen Krieg vorbereitet und waren in Stellung gegangen. Die empörende
Nachricht brachte ihn auf. Er nahm seine Waffe, schloß sich dem Kämpfenden seines
Stammes an und bekundete seine Bereitschaft mitzumachen.
Doch währenddessen fiel ihm ein, was er in Medina erlebt hatte. Er
erinnerte sich an die Worte des Propheten, der ihm geraten hatte, seinen Zorn zu zügeln. "Was
hat mich so in Erregung versetzt? Warum habe ich sofort nach der Waffe gegriffen? Weshalb
bin ich bereit, zu töten und getötet zu werden? Ist es nicht an der Zeit, jene Worte in
die Tat umzusetzen?", überlegte er.
Er trat vor, rief die Anführer der Gegenseite zu sich und fragte: "Warum
streiten wir uns? Wenn es darum geht, den Überfall unserer dummen, jungen Männer
wiedergutzumachen, bin ich bereit, die Wiedergutmachung aus meinem eigenen Vermögen zu
leisten. Das ist kein Grund, aneinanderzugeraten und Blut zu vergießen." Die
vernünftigen und nachsichtigen Worte dieses Mannes erweckten in seinen Gegnern das
Ehrgefühl. "Da wollen wir dir nicht nachstehen. Wenn es so ist, verzichten wir
auf unsere Ansprüche", sagten sie. So kehrten die Kriegsgegner zu ihren Stämmen
zurück.8
Der Christ und Imam
Alis (a.s.) Rüstung
Imam Ali (a.s.) hatte seinen Harnisch, also ein Brustrüstung verloren
als er Khalif war. Nach einiger Zeit wurde die Rüstung bei einem Christen gefunden. Imam
Ali (a.s.) brachte den Mann vor den Richter und sagte: "Dieser Harnisch gehört
mir. Ich habe ihn weder verkauft noch jemandem geschenkt. Nun finde ich ihn bei diesem
Mann." Der Richter fragte den Christen: "Das behauptet der Khalif. Was
sagst du dazu?" Der antwortete: "Dieser Harnisch gehört mir. Ich möchte
dem Khalifen keine Lügen unterstellen, aber vielleicht irrt er sich." Der
Richter wandte sich an Imam Ali (a.s.): "Du stellst eine Behauptung gegen diesen
Mann auf, die er bestreitet. Nun ist es deine Pflicht, deine Behauptung zu beweisen."
Imam Ali (a.s.) lächelte und sagte: "Der Richter hat recht. Ich muß meine
Behauptung beweisen. Ich habe aber keine Beweise." Da der Kläger keine Beweise
vorbringen konnte, entschied der Richter zugunsten des Christen, welcher die Rüstung nahm
und sich auf den Weg machte. Doch er wußte selbst am besten, wem die Rüstung gehörte.
Sein Gewissen regte sich, nachdem er einige Schritte weitergegangen war. Er kehrte zurück
und sagte: "Das ist nicht das Verhalten eines gewöhnlichen Menschen. Er regiert
wie ein Heiliger." Er gab zu, daß die Rüstung Imam Ali (a.s.) gehört. Es
dauerte nicht lange, bis er zum Islam übertrat. Er wurde gesehen, wie er in der Schlacht
von Nahravan mit Begeisterung und Überzeugung unter der Flagge Imam Alis (a.s.) kämpfte.9
Imam Ali (a.s.) und Asim
Nach der Kamelschlacht traf Ali in Basra ein. Während er in Basra
weilte, ging er eines Tages einen seiner Freunde namens Ala Ibn Ziad Harithi besuchen.
Dieser hatte ein großes, luxuriöses Haus. Als Imam Ali das Haus sah, sagte er:
"Was brauchst du solch ein großes Haus in dieser Welt? In der anderen bedarfst du
dessen um so mehr. Doch du kannst dieses Haus dazu benutzen, um dein Haus im Jenseits zu
bestellen. Hier kannst du Gäste empfangen, deine Verwandten unterstützen und die Rechte
der Muslime zur Geltung bringen. Du kannst es zu einem offenen Haus der Gerechtigkeit
machen und so dessen Nutzung nicht auf deinen persönlichen Gebrauch beschränken."
"Oh Fürst der Gläubigen, ich möchte mich über meinen Bruder
Asim beschweren", sagte Ala.
Imam Ali (a.s.) fragte: "Welche Beschwerde hast du
vorzubringen?"
- "Er hat allen Freuden der Welt entsagt, trägt alte Kleidung,
lebt einsam und isoliert und hat sich von allem und jedem abgewandt." Daraufhin
sagte Imam Ali (a.s.): "Ruf ihn zu mir." Asim wurde herbeigerufen. Er
erschien. Imam Ali (a.s.) wandte sich an ihn und sagte: "Du bist dein eigener
Feind. Der Satan hat dir den Verstand geraubt. Warum fühlst du kein Erbarmen mit deiner
Frau und deinen Kindern? Glaubst du, Gott wäre zufrieden mit dir, wenn du seine guten
Gaben, die dir gegeben und vergönnt sind, nicht genießt? Dafür bist du im Angesicht
Gottes viel zu unbedeutend." Asim sagte: "Fürst der Gläubigen! Du bist
doch selbst auch wie ich. Du bist auch hart gegen dich selbst. Du machst dir das Leben
schwer, ziehst keine weiche Kleidung an und ißt keine wohlschmeckenden Speisen. So tue
ich dasselbe wie du und gehe den gleichen Weg."
"Du irrst dich", entgegnete Imam Ali (a.s.), "ich
bin nicht wie du. Ich habe eine Stellung, die du nicht hast. Ich bekleide die Stellung
eines regierenden Führers, der andere Pflichten hat. Gott hat einem gerechten Führer
auferlegt, das Leben der schwächsten Schicht seines Volkes zum Maßstab seines eigenen
Lebens zu machen und so zu leben wie die Ärmsten seines Volkes, so daß die Armut die
Leute dieser Schicht nicht zu sehr bedrückt. Ich habe meine Pflichten und du deine."10
Arm und Reich
Bei einer Zusammenkunft hatten sich die Gefährten um den Propheten
versammelt. Da kam ein armer, in Lumpen gekleideter Mann herein. Nach islamischer Sitte
setzt sich der Neuankömmling ohne Ansehen der Person dorthin, wo ein Platz frei ist. Er
sucht sich keinen besonderen, seiner gesellschaftlichen Stellung entsprechenden Platz aus.
Der Mann schaute sich um, fand einen freien Platz und setzte sich dort hin. Zufällig
setzte er sich neben einen angesehenen und reichen Mann. Der Reiche rückte zur Seite und
hielt Abstand. Der Prophet, der ihn beobachtete, wandte sich an ihn und fragte: "Hast
du befürchtet, er könnte dich mit seiner Armut anstecken?" Der Reiche
antwortete: "Nein, Gesandter Gottes." - "Warum dann bist du zur Seite
gerückt und hast Abstand gehalten?", fragte der Prophet (s.a.s.) nach. "Ich
gebe zu, ich habe mich geirrt und einen Fehler gemacht. Um diesen Fehler wiedergutzumachen
und diese Schuld zu sühnen, bin ich bereit, die Hälfte meines Vermögens diesem
muslimischen Bruder, dem ich Unrecht getan habe, zu schenken", sagte der Reiche.
Der lumpenverhüllte Mann antwortete: "Ich nehme es aber nicht an." Die
Versammlung war erstaunt und fragte: "Warum nicht?"
"Weil ich fürchte, ich könnte eines Tages so von Hochmut
befallen sein, daß ich einen muslimischen Bruder genauso behandeln könnte, wie dieser
Mann mich behandelt hat", war die Antwort.11
Ghazali und die Räuber
Der bekannte islamische Gelehrte Ghazali stammte aus Tus, einem Dorf in
der Nähe von Maschhad. Zu seinen Lebzeiten im elften Jahrhundert war Nischabur die
Hauptstadt jener Gegend und das Zentrum der Wissenschaften. Die Studienanwärter aus allen
umliegenden Ortschaften gingen zu Studienzwecken nach Nischabur. Ghazali ging auch dort
hin und nach Gorgan und studierte jahrelang mit großer Hingabe bei Gelehrten. Um seine
erworbenen Kenntnisse nicht zu vergessen und die Früchte seiner Mühen später zu ernten,
schrieb er alles auf und heftete seine Schriften zusammen. Diese Hefte, die das Ergebnis
seines jahrelangen Fleißes waren, liebte er wie das Leben. Als er nach vielen Jahren in
seinen Heimatort zurückkehren konnte, ordnete er seine Hefte, steckte sie in einen Sack
und machte sich mit einer Karawane auf den Weg.
Die Karawane kam, wie es der Zufall wollte, an einigen Räubern und
Wegelagerern vorbei. Diese versperrten der Karawane den Weg und sammelten alles Stück
für Stück ein, was sie an Hab und Gut finden konnten. Als Ghazali mit seinen
Habseligkeiten an der Reihe war und sich die Räuber an dem Sack zu schaffen machten,
flehte er sie an: "Nehmt alles, was ich habe, aber laßt mir diesen Sack."
Die Räuber dachten, daß sich in dem Sack etwas Kostbares befinden müsse. Sie machten
ihn auf, fanden darin aber nur beschriebenes Papier. "Was ist das? Wozu ist das
gut?", fragten sie. "Was sie auch sind, euch nützen sie nichts. Aber ich
kann sie gut gebrauchen," sagte Ghazali. "Wozu brauchst du sie?",
fragen die Räuber. "Das sind die Früchte meines jahrelangen Studiums. Wenn ihr
sie mir weg nehmt, verliere ich alles, was ich an Kenntnissen erworben habe. Dann sind
alle meine Mühen umsonst gewesen.", sagte Ghazali. "Sind das die
Kenntnisse, die du erworben hast?", fragten die Räuber erstaunt. "Ja",
war die Antwort. "Eine Wissenschaft, die in den Sack gesteckt wird und zudem noch
gestohlen werden kann, ist keine Wissenschaft. Gehe, und mach dir Gedanken über deinen
Zustand", sagten die Räuber.
Diese einfachen und volkstümlichen Worte rüttelten das empfängliche
Gewissen Ghazalis wach. Bis dahin hatte er sich damit begnügt, seinem Meister wie ein
Papagei zuzuhören und das Gehörte in ein Buch einzutragen. Nach diesem Ereignis nahm er
sich vor, seinen Geist durch Denken zu trainieren, mehr zu überlegen und zu forschen und sich die nützlichen Dinge einzuprägen.
Ghazali hat einmal gesagt: "Den besten Ratschlag, der mein
Geistesleben wesentlich beeinflußte, bekam ich von einem Räuber."12
Avicenna und Ibn Miskuyah
Mit kaum 20 Jahren beherrschte Avicenna schon die Wissenschaften seiner
Zeit. Er war ein Experte auf den Gebieten der Theologie, Naturwissenschaft, Mathematik und
Philosophie. Eines Tages besuchte er die Vorlesung des bekannten Gelehrten Abu Ali Ibn
Miskuyah. Hochmütig warf er eine Walnuß vor Ibn Miskuyah und sagte: "Berechne
die Fläche dieser Nuß." Ibn Miskuyah legte einige Hefte des vom ihm über Ethik
und Erziehung verfaßten Buches Avicenna vor und sagte: "Du verbesserst lieber
dein Benehmen, bevor ich die Fläche der Walnuß berechne. Denn du hast gutes Benehmen
nötiger als ich die Berechnung einer Fläche." Avicenna fühlte sich so
beschämt durch diese Worte, daß sie sein Leben lang zum Leitsatz seines ethischen
Verhaltens wurden. 13
Vor dem Richter
Ein Kläger reichte seine Klage bei dem mächtigen Khalifen der Zeit
Umar ein. Die Parteien mußten vor dem Richter erscheinen, damit die Streitfrage behandelt
werden konnte. Der Beklagte war Imam Ali (a.s.), der Vetter und Schwiegersohn des
Propheten. Umar rief die Parteien zu sich und nahm selbst den Platz des Richters ein. Nach
islamischer Vorschrift müssen die Parteien nebeneinander sitzen, damit der Grundsatz der
Gleichheit vor dem Gericht gewahrt bleibt. Der Khalif rief den Kläger namentlich auf und
gab ihm die Anweisung, dem Richter gegenüber zu stehen. Dann wandte er sich an Imam Ali
(a.s.) und sagte: "Abu-l-Hassan, stelle dich neben den Kläger." Imam
Alis (a.s.) Miene verfinsterte sich und zeigte Anzeichen von Unmut. Daraufhin fragte der
Khalif: "Ali, möchtest du nicht neben deiner Streitpartei stehen?" Imam
Ali (a.s.) sagte: "Ich bin nicht betrübt, weil ich neben meiner Streitpartei
stehen muß, sondern weil du die Gerechtigkeit nicht ganz berücksichtigt hast. Mich hast
du respektvoll mit meinem Beinamen Abu-l-Hassan angeredet, aber meine Gegenpartei mit
ihrem gewöhnlichen Namen. Das ist der Grund meines
Unmuts." Das ist der Grund meines
Unmuts." 14
Ein Brief an Abu-Zhar
Ein Brief aus der Ferne erreichte Abu-Zhar. Der Briefschreiber hatte
ihn um einen verbindlichen Rat gebeten. Er kannte Abu-Zhar und wußte, wie sehr ihm der
Prophet gewogen war und wie gut dieser Abu-Zhar mit seinen weisen Worten herangebildet
hatte. Die Antwort Abu-Zhars war sehr kurz. Sie bestand aus einem einzigen Satz: "Behandle
den Menschen, den du am meisten liebst, nicht schlecht und feindselig." Der
Empfänger las den Brief Abu-Zhars, konnte jedoch dessen Sinn nicht erfassen. "Was
heißt das, ich soll den Menschen, den ich am meisten liebe, nicht schlecht und feindselig
behandeln? Das ist doch selbstverständlich. Wer behandelt schon seinen Liebling schlecht?
Im Gegenteil, man ist bereit, alles für ihn zu opfern." Er dachte andererseits
an die Persönlichkeit des Mannes, von dem diese Worte stammten; er war immerhin ein
Aufrichtiger und Wahrhaftiger seiner Gesellschaft und besaß einen scharfen Verstand. "Ich
muß Abu-Zhar um Erklärung bitten," Abu-Zhar um Erklärung bitten,"
überlegte er.
Er schrieb also erneut an Abu-Zhar und bat ihn um Erklärung. Abu-Zhar
antwortete: "Ich habe dich damit gemeint, als ich von dem Menschen sprach, der dir
am liebsten ist; denn du liebst dich selbst am meisten. Und als ich sagte, du sollst den
Menschen, den du am meisten liebst, nicht feindselig behandeln, meinte ich, du sollst
nicht gegen dich selbst handeln. Denn du wirst die Folgen einer jeden Sünde, die du
begehst, selbst tragen; bist also unmittelbar davon
betroffen." unmittelbar davon
betroffen." 15
Das Hemd des Khalifen
Der Khalif Umar Ibn Abd-ul-Aziz hielt von der Kanzel der Moschee eine
Predigt. Während er sprach, griff er von Zeit zu Zeit nach seinem Hemd und bewegte es hin
und her. Die Gläubigen wunderten sich über das sonderbare Verhalten des Khalifen und
fragten sich, was das alles zu bedeuten habe. Nach Beendigung der Predigt stellte sich
heraus, daß sich der Khalif aus Achtung vor dem öffentlichen Eigentum der Muslime und
zur Wiedergutmachung der Ausschweifungen seiner Vorgänger bei der Vergeudung der
öffentlichen Gelder nur ein einziges Hemd angeschafft hatte und daß dieses eine Hemd
erst kurz vor der Predigt gewaschen worden war. Um das nasse Hemd zu trocknen, hatte er es hin und her bewegt. 16
Brennholz sammeln in der
Wüste
Auf einer Reise machten der Prophet und seine Gefährten an einem Ort
mit wenig Vegetation halt. Sie brauchten Brennholz, um Feuer anzumachen. Als der Prophet
anordnete, Holz zu sammeln, wurde ihm entgegnet: "Gesandter Gottes, wie Du siehst,
ist hier weit und breit kein Holz zu sehen." Der Prophet antwortete: "Trotzdem
soll jeder so viel sammeln, wie er kann." Die Gefährten machten sich auf den
Weg, suchten das Gelände ab und hoben jeden kleinen Zweig auf. Jeder sammelte so viel,
wie er konnte und brachte es mit. Übereinandergestapelt wuchsen die kleinen Zweige zu
einem großen Haufen. Daraufhin sagte der Prophet: "So verhält es sich auch mit
den kleinen Sünden. Am Anfang übersieht man sie gerne, doch alles wird gesucht und
gefunden. Ihr habt gesucht und so viel Brennholz gesammelt. Auch eure Sünden werden
gezählt und addiert. Die kleinen Sünden, die man am Anfang übersieht, wachsen
allmählich zu einem großen Haufen."17
Hilfeleistung
Safvan war zu Besuch bei Imam Sadiq (a.s.). Plötzlich kam ein Mann aus
Mekka herein und berichtete über seine Schwierigkeiten. Es handelte sich um einen
Pachtstreit, der ihm Schwierigkeiten verursachte. Imam Sadiq (a.s.) wies Safvan an: "Gehe
sofort, und hilf deinem Glaubensbruder." Safvan machte sich auf den Weg und kam
wieder zurück, nachdem er die Angelegenheit erledigt und die Schwierigkeit behoben hatte.
Imam Sadiq (a.s.) fragte: "Was ist aus der Sache geworden?"
"Gott hat sie bereinigt", war die Antwort.
"Die äußerst geringe Mühe, mit der du die Not eines anderen
behoben hast, hat dich nicht viel Zeit gekostet. Trotzdem ist sie höher zu bewerten als
eine siebenmalige Umwanderung der Kaaba." Imam Sadiq (a.s.) fuhr fort: "Ein
Mann hatte ein Problem, kam zu Imam Hassan (a.s.) und bat diesen um Hilfe. Imam Hassan
(a.s.) stand sofort auf und machte sich mit ihm auf den Weg. Unterwegs begegneten sie Imam
Hussain (a.s.), der betete. Imam Hassan fragte den Mann: Wieso hast du es versäumt,
Hussain um Hilfe zu fragen? - Ich wollte eigentlich zu ihm gehen und ihn um
Hilfe bitten. Doch als ich hörte, daß er sich zum Gebet zurückgezogen hat und somit
entschuldigt ist, bin ich nicht zu ihm gegangen, antwortete der Mann. Imam Hassan
sagte: Wenn ihm die Gunst zuteil geworden wäre, deine Not zu beheben, wäre es für
ihn besser gewesen, als den ganzen Monat zu beten."18
Wer ist frommer
Ein Gefährte Imam Sadiqs (a.s.) der gewöhnlich an den Vorlesungen des
Imam teilnahm, zu den Versammlungen seiner Freunde erschien und mit ihnen gesellschaftlich
verkehrte, war seit einiger Zeit nicht mehr zu sehen. Eines Tages fragte Imam Sadiq (a.s.)
seine Gefährten und Freunde: "Wo ist er eigentlich? Ich habe ihn seit langem
nicht gesehen."
"In letzter Zeit ist er in Armut geraten und leidet Not",
kam als Antwort. Imam Sadiq (a.s.) fragte daraufhin: "Was macht er denn?"
- "Nichts", war die Antwort, "er sitzt zu Hause und betet
ständig." Nun frage der Imam: "Und wie bestreitet er seinen
Lebensunterhalt?", und erhielt als Antwort: "Einer seiner Freunde sorgt
für seinen Lebensunterhalt." Dann sagte Imam Sadiq (a.s.): "Bei Gott,
dieser Freund ist um einiges frommer als er." 19
Der Gast des Richters
Ein Mann ließ sich bei Imam Ali (a.s.) häuslich nieder. Tagelang war
er Gast des Imams. Doch er war kein gewöhnlicher Gast. Er hatte etwas auf dem Herzen, das
er zuerst nicht preisgeben wollte. Es handelte sich um einen Streitfall zwischen ihm und
einem anderen, denn er erwartete, daß der Fall in Imam Alis (a.s.) Gegenwart behandelt
werde. Eines Tages vertraute er sich schließlich seinem Gastgeber an und erzählte von
dem Streit und dem zu erwartenden Prozeß. Imam Ali (a.s.) fragte: "Du bist also
eine der Streitparteien?"
"Ja, Fürst der Gläubigen", antwortete er.
Daraufhin sagte Imam Ali (a.s.) zu ihm: "Es tut mir leid, dir
sagen zu müssen, daß ich dich ab heute nicht mehr als meinen Gast bewirten darf; denn
der Prophet hat gesagt: Wenn ein Streit vor den Richter gebracht wird, darf der
Richter nicht nur eine Person als Gast empfangen; es sei denn, beide sind seine
Gäste." 20
Die Altersrente
Der alte Christ hatte nichts sparen können, obwohl er sein Leben lang
gearbeitet und sich abgemüht hatte. Schließlich verlor er noch sein Augenlicht. Armut
und Erblindung im hohen Alter ließen ihm keinen anderen Ausweg, als betteln zu gehen. Er
stand am Rande der Straße und bettelte. Die Leute hatten Erbarmen mit ihm und gaben ihm
kleinere Almosen. So fristete er kümmerlich sein Leben.
Eines Tages wurde Imam Ali (a.s.), der dort vorbeikam, auf ihn
aufmerksam. Imam Ali (a.s.) erkundigte sich nach ihm, um zu erfahren, wie er in diese Lage
geraten konnte. Hatte er keine Kinder, die für seinen Lebensunterhalt hätten aufkommen
können? Gab es keinen anderen Ausweg, dem alten Mann einen würdigen Lebensabend zu
ermöglichen, damit er nicht betteln brauchte? Leute, die den Alten kannten, bezeugten,
daß er gearbeitet habe, solange er sehen konnte und seine Kräfte reichten. Nun ist er
alt und blind, nicht imstande zu arbeiten und hat keine Ersparnisse, von denen er leben
kann. Es ist natürlich, daß er betteln geht. "Was ist daran so natürlich?",
fragte Imam Ali (a.s.), "solange er arbeiten konnte, habt ihr ihn ausgebeutet.
Dieser Mann hat gearbeitet und gedient, solange seine Kräfte reichten. Nun sind die
Regierung und die Gesellschaft verpflichtet, für ihn zu sorgen, solange er lebt. Zahlt ihm Unterhalt aus der Staatskasse." Zahlt ihm Unterhalt aus der Staatskasse." 21
Beschwerde über den Ehemann
Die ihm vorgetragenen Beschwerden überprüfte Imam Ali (a.s.)
persönlich und überließ es keinem anderen. An heißen Tagen, während sich die Leute
gewöhnlich zur Mittagsruhe begaben, saß er im Schatten der Mauer außerhalb des
Amtsgebäudes, so daß die Leute, die sich beschweren wollten, ihm ihre Beschwerde
unmittelbar und ohne Hindernisse vortragen konnten. Bisweilen ging er auch durch die
Gassen und Straßen, stellte Ermittlungen an und beobachtete die allgemeine Lage an Ort
und Stelle. Eines heißen Tages kehrte er müde und verschwitzt zu seinem Amtssitz zurück
und sah eine Frau vor der Tür stehen. Als die Frau ihn sah, trat sie vor und sagte: "Ich
habe eine Beschwerde vorzubringen. Mein Mann hat mich ungerecht behandelt, mich aus dem
Haus gejagt und gedroht, mich zu verprügeln, wenn ich nach Hause zurückkomme. Nun
fordere ich mein Recht durch Dich."
Imam Ali (a.s.) antwortete: "Es ist jetzt zu heiß. Gedulde
dich, bis es sich am Nachmittag abkühlt. Dann werde ich, wenn Gott will, mit dir gehen
und deine Angelegenheit regeln." Besorgt sagte die Frau: "Ich fürchte,
wenn ich mich noch länger außerhalb des Hauses aufhalte, wird er sich auch darüber
ärgern und mich um so mehr quälen." Einen Augenblick senkte Imam Ali (a.s.) den
Kopf, und als er aufschaute, sagte er flüsternd vor sich hin: "Bei Gott, man soll
die Überprüfung einer Beschwerde nicht aufschieben. Das Recht des Unterdrückten soll
man unverzüglich beim Unterdrücker einklagen. Dem Unterdrückten soll man die Furcht
davor nehmen, seinem Unterdrücker mutig und ohne Angst gegenüberzutreten und sein Recht
zu fordern."
Dann wandte er sich an die Frau: "Wo wohnst du?" Sie
beschrieb ihm den Weg. "Laß uns gehen", sagte Imam Ali (a.s.) und machte
sich in Begleitung der Frau auf den Weg zu ihrem Haus. Vor dem Haus angekommen, rief er: "Seid
gegrüßt, Bewohner des Hauses." Ein junger Mann kam heraus. Er kannte Imam Ali
(a.s.) nicht, sah einen älteren Mann von ungefähr 60 Jahren in Begleitung seiner Frau
und wußte, daß sie ihn um Beistand gebeten hatte. Doch sagte er nichts dazu. Imam Ali
(a.s.) wandte sich an ihn: "Diese Dame ist deine Frau und beschwert sich über
dich. Sie sagt, daß du sie ungerecht behandelt und aus dem Haus gejagt hättest. Du
hättest gedroht, sie zu verprügeln. Ich ermahne dich, gottesfürchtig zu sein und deine Frau gut und freundlich zu behandeln." "Diese Dame ist deine Frau und beschwert sich über
dich. Sie sagt, daß du sie ungerecht behandelt und aus dem Haus gejagt hättest. Du
hättest gedroht, sie zu verprügeln. Ich ermahne dich, gottesfürchtig zu sein und deine Frau gut und freundlich zu behandeln."
Der Mann entgegnete: "Was geht es Dich an, wie ich meine Frau
behandle? Ja, ich habe gedroht, sie zu verprügeln. Gerade weil sie Dich geholt hat, um an
ihrer Stelle zu reden, werde ich sie bei lebendigem Leibe verbrennen." Imam Ali
(a.s.) war über diese Dreistigkeit des jungen Mannes aufgebracht. Er griff nach seinem
Schwert und sagte: "Du gibst mir solch eine Antwort auf meinen guten Rat und
meinen Versuch, dich von einer verwerflichen Tat abzuhalten? Du sagst unumwunden, daß du
diese Frau verbrennen wirst. Glaubst du, in dieser Welt wird keine Rechenschaft
verlangt?"
Als Imam Ali (a.s.) seine Stimme erhob, sammelten sich die Passanten um
sie. Jeder, der zu ihnen kam, machte eine Verbeugung vor Imam Ali (a.s.) und sagte: "Sei
gegrüßt, Fürst der Gläubigen." Der stolze, junge Mann erkannte erst jetzt,
mit wem er es zu hatte, bekam es mit der Angst zu tun und sagte flehentlich: "Vergib
mir, Fürst der Gläubigen. Ich sehe meinen Fehler ein. Ich verspreche Dir, von nun an
gütig zu meiner Frau zu sein und alle deine Anweisungen zu befolgen." Imam Ali
(a.s.) wandte sich nun an die Frau: "Geh nach Hause, und sieh zu, daß du ihn zu solchen Taten nicht herausforderst." du ihn zu solchen Taten nicht herausforderst." 22
Der Unbekannte
Sie keuchte unter der Last des Wasserschlauchs, den sie auf ihrer
Schulter trug. Sie war auf dem Wege nach Hause. Ein Unbekannter kam auf sie zu, nahm den
Wasserschlauch und hob ihn auf seine Schulter. Die kleinen Kinder der Frau starrten
erwartungsvoll auf die Haustür und warteten auf ihre Mutter. Die Tür öffnete sich, und
die Kinder sahen ihre Mutter in Begleitung eines Unbekannten, der anstelle ihrer Mutter
den Wasserschlauch auf die Erde stellte und fragte: "Wie ich sehe, trägst du das
Wasser selbst, weil du keinen Mann hast. Wie kommt es, daß du allein stehst?"
Sie antwortete: "Mein Mann war Soldat. Ali Ibn Abutalib hat ihn
zu einer der Grenzen geschickt. Er wurde dort getötet. Nun stehe ich allein mit meinen
kleinen Kindern." Der Unbekannte schwieg dazu, senkte den Kopf, verabschiedete
sich und ging; doch an diesem Tag mußte er unentwegt an die Frau und ihre Kinder denken.
In der Nacht konnte er nicht ruhig schlafen. Am anderen Morgen nahm er einen Korb, füllte
ihn mit Fleisch, Mehl und Datteln, ging wieder zu dem Haus und klopfte an.
"Wer ist da?", kam die Frage vom Haus. Er antwortete: "Ich
bin der Mann, der gestern den Wasserschlauch trug. Nun habe ich etwas Essen für die
Kinder mitgebracht." Die Frau des Hauses sagte: "Gott möge mit dir
zufrieden sein und zwischen Ali und uns selbst urteilen." Die Tür öffnete sich, und der Unbekannte trat ein.
"Ich möchte etwas Gutes tun. Wenn du mir erlaubst, übernehme ich
das Brotbacken oder die Beaufsichtigung der Kinder", sagte er. "Sehr
gut", freute sie sich, "ich kann aber besser Brot backen als Du. Paß auf
die Kinder auf, bis ich mit dem Backen fertig bin." Die Frau machte sich an die
Arbeit. Der Unbekannte nahm derweil etwas von dem mitgebrachten Fleisch, briet es, tat
Datteln dazu und fütterte die Kinder. Mit jedem Bissen, den er den Kindern in den Mund
legte, sagte er: "Mein Kind, vergib Ali Ibn Abutalib, wenn er euch vernachlässigt
hat." Als der Teig zubereitet war, rief die Frau dem Unbekannten zu:
"Mach das Feuer in der Backgrube an." Der Unbekannte machte das Feuer an.
Als die Flammen hochschlugen, näherte er sein Gesicht den Flammen und sagte flüsternd: "Spüre
nun das Feuer. Wer die Sache der Waisen und Witwen vernachlässigt, hat diese Strafe
verdient." Währenddessen kam eine Nachbarin herein und erkannte den Mann.
"Wehe dir. Kennst du den Mann nicht, den du zu Hilfe geholt hast? Er ist der Fürst
der Gläubigen, Ali Ibn Abutalib, sagte die Nachbarin. Die Frau kam auf Imam Ali (a.s.) zu
und sagte: "Welch eine Schande für mich. Ich
bitte Dich um Entschuldigung."
"Nein, ich muß dich um Vergebung bitten, weil ich deine Sache
vernachlässigt habe" , sagte Imam Ali (a.s.).23
Der Schweiß der Arbeit
Imam Kazim (a.s.) arbeitete auf seinem Grundstück und bestellte den
Boden. Wegen der großen Anstrengung strömte ihm der Schweiß über den ganzen Körper.
Da kam Ali Ibn Hamza vorbei und fragte: "Warum
überläßt du diese Arbeit nicht einem anderen?"
"Warum soll ich sie einem anderen überlassen? Viel bessere
Menschen als ich haben solche Arbeiten verrichtet" , entgegnete der Imam. "Wer
zum Beispiel?", wurde er gefragt. Er antwortete: "Der Gesandte Gottes,
der Fürst der Gläubigen, und alle meine Ahnen. Arbeit auf dem Felde ist die Tradition
der Propheten, ihrer Nachfolger und ihrer würdigen Knechte."24
Imam Baqir (a.s.) und der
Christ
Der Beiname des Imam Mohammad Ibn Ali Ibn-al-Hussain ist
Baqir. Baqir bedeutet Spalter. Er wurde Baqir al-Ulum, d.h. der Spalter des
Wissens, genannt, weil er das Gute vom Bösen abspaltete. Ein Christ änderte verspottend
seinen Beinamen in Baqar, was Kuh heißt. "Du bist Baqar",
sagte er dem Imam, das heißt, "Du bist eine Kuh." Ohne ein Anzeichen des
Unmuts und des Zorns antwortete der Imam in aller Bescheidenheit: "Ich bin nicht
Baqar sondern Baqir."
"Deine Mutter war eine Köchin", sagte der Christ.
Der Imam antwortete: "Das war ihr Beruf und ist keine
Schande." Der Christ hörte nicht auf: "Deine Mutter war schwarz,
unverschämt und ein Lästermaul."
Nun sagte Imam Baqir (a.s.): "Wenn meine Mutter die
Eigenschaften, die du ihr zuschreibst, besaß, möge Gott ihr vergeben. Wenn du aber
gelogen hast, möge er dir die Strafe für diese Sünde erlassen, obwohl du gelogen und
meine Mutter verleumdet hast." Die Sanftmut eines Mannes, der jede Macht besaß,
um sich zu revanchieren, wühlte den Christen innerlich dermaßen auf, daß er sich zum
Islam hingezogen fühlte. Er wurde später Muslim.25
Quellennachweis
1) Maniat ul-Murid, Bombay, S. 10.
2) Wasail, Band 2. S. 529.
3) Kahl al-Basar
4) Der vierte Imam der Schiiten
5) Bihar, Band 11, S. 21.
6) Usul al-Kafi, Band 2, S. 670.
7) Nahj ul-Balagha, Aphorismen Nr. 37
8) Usul al-Kafi, Band 2, S. 404
9) Al-Imam Ali Sowt ul-Adala al-Insanin, S. 63, auch in Bihar, Band 9, S. 598
10) Nahj ul-Balagha, Predigt Nr. 270
11) Usul al-Kafi, Band 2, S. 260
12) Ghazali-Nomeh, Seite 116
13) Geschichte der Geisteswissenschaften im Islam, S. 211
14) Al-Inram Ali, Sowt ul-Adala al-Insania
15) Erschad-e Deylami
16) Einleitung zu der Übersetzung des Buches Gebet von Alexis Carrel
17) Wasail, Band 2, S. 462
18) Kafi, Band 2, S. 198
19) Wasail, Band 2, S. 529
20) Wasail, Band 3, S. 395
21) Wasail, Band 2, S. 425
22) Bihar al-Anwar, Band 9, S.598
23) Bihar al-Anwar, Band 7, S.597
24) Bihar al-Anwar, Bd. 11, S.531
25) Bihar al-Anwar, Band 11, S. 83 |
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