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Das ewige Leben
Schahid Ajatollah
Prof. Morteza Motahhari
Ursprünglich Herausgegeben von:
Islamisches Führungsministerium
Seminar für die Renaissance des islamischen Denkens
anläßlich des dritten Jahrestages des Martyriums von Schahid Morteza Motahhari, Teheran
April 1982
Überarbeitet und neu herausgegeben von:
Islamischer Weg e.V., Delmenhorst 1999
Inhaltsverzeichnis
Abkürzungen
Ansprache Imam Khomeinis (r.a.) an das Volk einen Tag nach dem Martyrium Schahid
Morteza Motahharis
Ansprache Imam Khomeinis (r.a.) anläßlich des ersten Jahrestages des Martyriums Schahid
Motahharis
Ansprache Imam Khomeinis (r.a.) anläßlich des zweiten Jahrestags des Martyriums Schahid
Motahharis
Lebenslauf Schahid Morteza Motahharis
DAS EWIGE LEBEN
Die Auferstehung: Grundlagen der islamischen Weltanschauung
Ursprung und Quelle des Glaubens an ein jenseitiges Leben
Die Natur des Todes
Das Leben nach dem Tode
Die Übergangswelt (Barsach)
Der Tag des Jüngsten Gerichts
Verbindung zwischen der diesseitigen und der jenseitigen Welt
Manifestierung und Unvergänglichkeit der Handlungen und Errungenschaften des Menschen
Übereinstimmungen und Unterschiede zwischen dem Leben in dieser und dem in der anderen
Welt
Argumente und Beweise für die andere Welt im Heiligen Quran
Gottes Gerechtigkeit
Gottes Weisheit
Abkürzungen
a.s. Frieden sei mit ihm bzw. ihnen [caleyhis-sal~ m, caleyhumma sal~ m]
r.a. Gottes Barmherzigkeit sei mit ihm [ra matull~ h caleyh]
s.a.s. der Friede sei mit ihm und mit den Reinen seiner auserwählten Familie
[ allall~ hu calayhi wa ~ lih§
wa sallam]
Herausgeber und Vertrieb:
Islamischer Weg e.V.
Postfach 1321
D-27733 DelmenhorstISBN-Nr.: 3-9804844-1-6 |
Ansprache
Imam Khomeinis (r.a.) an das Volk einen Tag nach dem Martyrium Schahid Morteza Motahharis
Im Namen Allahs des Gnädigen, des Barmherzigen
"Wir gehören Gott, und zu ihm kehren wir (dereinst) zurück"
(Heiliger Quran 2:156)
Zu dem erschütternden Verlust an unserem strebsamen Märtyrer, Denker,
Philosophen und Theologen höchsten Ranges, Hadsch Scheich Morteza Motahhari, einem der
Reinsten und Opferbereitesten, gratuliere ich zugleich mit dem Ausdruck des tiefsten
Beileids dem Islam, den auserwählten Imamen, dem islamischen Volk und insbesondere dem
kämpferischen Volk Irans.
Ich möchte meinem Beileid zum Märtyrertod einer Autorität Ausdruck
verleihen, die ihr wertvolles Leben dem Weg hin zu den höchsten Zielen des Islam gewidmet
hat und gegen Irrwege und Abweichungen jeglicher Art unverdrossen gekämpft hat. Mein
Beileid zum Märtyrertod eines Menschen, der auf dem Gebiet der Islamwissenschaften und
unter der Kennern des Heiligen Qurans kaum seinesgleichen hatte. Ich habe mit ihm
einen geliebten Sohn verloren, eine Persönlichkeit, die Frucht meines Lebens war, und
trauere tief um ihn.
Der Märtyrertod dieses wertvollen Kindes und unsterblichen Weisen hat
dem Islam einen tiefen Schaden zugefügt, und niemand kann seine Stelle wieder füllen.
Ich gratuliere unserem Volk, daß es solche aufopferungsbereite
Autoritäten hervorbringt, deren Existenz in diesem Leben und nach dem Tod reine Strahlen
verbreitet. Ich gratuliere dem großen Islam, dem Lehrer der Menschheit, und dem
islamischen Volk, die gemeinsam solche Söhne hervorgebracht haben, in deren Lichtkreis
die Finsternis weicht und die Toten neu belebt werden. Ich habe einen Sohn verloren aber
trotzdem erfüllt es mich mit Freude, daß es Sprößlinge dieser Nation gibt, die so
aufopferungsbereit sind wie er.
Motahhari, dessen Seele an Reinheit und dessen Glaubenskraft an Stärke
die anderer weit übertraf und dessen Rede eine einzigartige Wirkung ausströmte, ging von
uns und erreichte damit die höchste Stufe des Menschseins; aber die böswilligen Menschen
müssen sich darüber im klaren sein, daß mit seinem Gehen seine islamische,
wissenschaftliche und philosophisch denkende Persönlichkeit nicht gegangen ist. Ein
Terror kann nicht die islamische Persönlichkeit eines Muslims treffen. Sie müssen
wissen, daß unser Volk, wenn Gott, der Allmächtige hilft, durch den Verlust solch
großer Persönlichkeiten für den Kampf gegen Verderbnis und Tyrannei und Kolonialismus
nur neue Kraft gewinnt. Unser Volk hat seinen Weg gefunden, und es wird nicht ruhen, bis
alle verfaulten Wurzeln des ehemaligen Regimes und dessen verabscheuungswürdige Anhänger
ausgetilgt sein werden. Martyrium und Opferbereitschaft sind es, die den Islam groß
gemacht haben. Den Weg des Islam prägt seit der ersten Offenbarung Gottes an den
Propheten (s.a.s.) bis heute Mut und Martyrium. Der Kampf um die Sache Gottes und der
Unterdrückten willen ist ein Hauptziel des Islam. "Warum wollt ihr (denn) nicht
um Gottes willen und (um) der Unterdrückten (willen) kämpfen, (jener) Männer, Frauen
und Kinder, die (in Mekka zurückbleiben mußten und) sagen: 'Herr! Bringe uns aus dieser
Stadt, deren Einwohner frevlerisch sind, und schaffe uns deinerseits einen Freund und
einen Helfer'?" (4. Sure, Vers 75). Diese Terroristen, die selbst bald den Tod
und Untergang fühlen müssen, die glaubten, sich durch solche Taten rächen zu können um
damit den Gotteskämpfern Angst einzuflößen, haben sich getäuscht. Jedes Haar, jeder
Blutstropfen unserer Märtyrer, der fällt, bringt neue kampfbereite, selbstlose Menschen
hervor. Sie müßten das gesamte mutige Volk ermorden, denn der Mord an einer Person, so
groß sie auch sei, bleibt für die Erreichung ihrer Ziele ohne Nutzen. Ein Volk, das sich
mit dem Vertrauen auf den Allmächtigen Gott erhoben hat, um dem Islam neues Leben zu
geben, kann durch derartig vergebliche Anstrengungen der Feinde nicht zum Rückzug
gezwungen werden. Wir sind immer bereit für die Aufopferung von uns selbst und den
Märtyrertod um Gottes willen.
Den 13. Ordibehescht (3. Mai) erkläre ich zu einem Trauergedenktag
für eine Persönlichkeit, die bereit war, für den Islam und das Volk zu kämpfen und
sich zu opfern, und ich selbst werde am Donnerstag und am Freitag in der Feyziyeh-Schule
eine Trauerveranstaltung abhalten.
Gott, der Allerhöchste, schenke diesem geliebten Sohn des Islam Gnade
und Vergebung und dem Islam Größe und Ruhm.
Friede sei mit den Märtyrern, die um der Gerechtigkeit und der
Freiheit willen gestorben sind.
Ruhullah Al-Musawi Al-Khomeini
Qum, den 4. Mai 1979
Ansprache
Imam Khomeinis (r.a.) anläßlich des ersten Jahrestages des Martyriums Schahid Motahharis
Im Namen Gottes, des Gnädigen, des Barmherzigen
Der Sieg der Islamischen Revolution im Iran, der mit Gottes Hilfe
stattgefunden und zur Trauer der Böswilligen geführt hat, und die ruhigen und
erfolgreichen Aktivitäten der revolutionären islamischen Organisationen während des
vergangenen Jahres werden überschattet durch von Terroristen und Revolutionsgegnern
verursachte unersetzliche Verluste, wie den durch einen verräterischen Terroranschlag
hervorgerufenen Verlust des großen Gelehrten und Islamkenners, unserem Märtyrer
Hodschat-ul-Islam Scheich Hadsch Morteza Motahhari (r.a.).
Es fällt mir schwer, in dieser Lage meinen Gefühlen und meiner
Zuneigung zu dieser geliebten Persönlichkeit Ausdruck zu verleihen. Was ich sagen kann
ist, daß er für Islam und die Wissenschaft wertvollste Dienste geleistet hat; es ist
zutiefst bedauerlich, daß die Hand von Verrätern diesen fruchtbaren Baum der
islamisch-wissenschaftlichen theologischen Schule entrissen hat und damit allen den Nutzen
dieser unersetzlichen Früchte vorenthalten hat. Motahhari war mir ein lieber Sohn und
eine Stütze der islamisch-wissenschaftlichen theologischen Schule, ein nutzbringender
Diener des Landes und des Volkes. Ich hoffe, daß Gott ihm vergeben und ihn an die Seite
der großen Diener stellen möge.
Die Gegner des Islam und der Revolution versuchen, unsere Studenten
durch ihre Propaganda gegen den Islam von der Lektüre seiner Schriften abzuhalten.
Studenten und Intellektuelle, achtet darauf, daß die Bücher dieses Meisters nicht wegen
dieser unislamischen Verschwörungen in Vergessenheit geraten!
Ich bitte Gott um Erfolg für Euch alle.
Friede sei mit all denen, die Gutes tun.
Ruhullah Al-Musawi Al-Khomeini
Qum, den 3. Mai 1980
Ansprache
Imam Khomeinis (r.a.) anläßlich des zweiten Jahrestags des Martyriums Schahid Motahharis
Im Namen Allahs, des Gnädigen, des Barmherzigen
Dieses ist der Trauergedenktag an das Martyrium eines reinen
Märtyrers, der mit seinem kurzen Leben eine unvergängliche Spur zurückgelassen hat. Er
besaß die Strahlen eines Lebens in Wachsamkeit und eine Seele, die von Liebe zu ihrer
Ideologie erfüllt war. Er hat mit geschmeidiger Feder und Geistesstärke durch seine
Erläuterungen der islamischen Gesetze und die Auseinandersetzung und Darlegung der
philosophischen Wahrheiten in allgemeinverständlicher Sprache und ohne Umschweife zur
Erziehung und Bildung der Gesellschaft große Beiträge geleistet. Was aus seiner Feder
geflossen und von seiner Zunge geäußert worden ist, ist ausnahmslos erbaulich und
lehrreich. Seine Reden und Ratschläge, die einem von Glauben erfüllten Herzen
entsprangen, sind für die Hochgebildeten wie für die Normalbevölkerung von großem
Nutzen. Wir hatten gehofft, daß wir von diesem ertragreichen Baum mehr Früchte ernten
könnten als die, die wir nun in Händen haben, und dadurch mehr Menschen der Gesellschaft
zu Denken und Weisheit gelangen könnten. Aber die Hände von Verbrechern haben es
verhindert, daß unsere Jugend die reinen Früchte dieses reifen Baumes genießen durfte.
Gott sei Dank, daß uns das, was uns von diesem Märtyrer hinterlassen
worden ist, in seiner Vollkommenheit selbst als Lehrer dienen kann. Der selige Märtyrer,
Meister Motahhari, hat die Ewigkeit erreicht. Gott sei ihm gnädig und stelle ihn an die
Seite der großen Dienern des Islam.
Ruhullah Al-Musawi Al-Khomeini
Teheran, den 29 April 1981
Lebenslauf Schahid Morteza Motahharis
Motahhari wurde am 2. Februar 1920 in Fariman in der östlichen Provinz
Irans, Khorasan, geboren. Sein Vater war ein an Tugenden sehr reicher Mann, der unbeirrt
die Vorschriften und Grundsätze des Islam befolgte. In einer solchen Familie wuchs
Motahhari auf und unterschied sich offensichtlich schon seit seiner Kindheit von anderen.
Er liebte Reinheit und Gottergebenheit über alles und schreckte vor schlechtem Benehmen
zurück. Morteza war ausgesprochen lernbegierig, suchte die Bildung und zeigte große
Talente. Nach der Beendigung der Volksschule in seinem Heimatort ging er nach Maschhad, um
sich dort religiöse Erziehung angedeihen zu lassen, denn ihm lagen die islamischen
Studien sehr. Im Alter von 13 Jahren, 1933, begann Morteza in Maschhad seine Islamstudien;
er studierte Logik, Philosophie, Islamische Jurisprudenz sowie arabische Literatur.
Während dieser Zeit beobachtete sein Denken eine Transformation, deren Ergebnisse sich in
seinem Denken, Handeln und Benehmen lebendig niederschlugen. Diese Transformation bezog
sich auf die Existenz Gottes bzw. deren Leugnen, ein Thema, das seit dem Anfang der
Geschichte eines der empfindlichsten und interessantesten geblieben ist. Im Hinblick auf
dieses Thema sagt Motahhari: "So, wie ich mich erinnere, überschattete dieses
Gefühl, als ich 13 war, mein ganzes Wesen, und ich empfand eine seltsame Empfindlichkeit
den Themen über die Existenz Gottes gegenüber. Die verschiedensten Fragen, natürlich
meinem Alter entsprechend, stürmten auf meinen Geist ein. Während der ersten Jahre, die
ich in Maschhad verbrachte, wo ich mich mit dem Studium der Einführung ins Arabische
beschäftigte, war ich so in diese Gedanken versponnen, daß ich schließlich nicht einmal
mehr die Anwesenheit meines Zimmernachbarn ertragen konnte. Daher teilte ich mein Zimmer
auf und machte meinen Teil zu einer dunklen Zelle, wo ich mit meinen Gedanken allein sein
konnte. In dieser Zeit mochte ich auch während meiner Freizeit über nichts anderes
nachdenken. Ich empfand es tatsächlich als Zeitverschwendung, wenn ich mich mit anderen
Problemen beschäftigte, bevor ich die Antwort auf diese lebenswichtige Frage gefunden
hatte. Islamische Jurisprudenz und Logik studierte ich allein zu dem Zweck, daß ich
allmählich dazu fähig würde, die Ideen der großen Philosophen in dieser Hinsicht zu
verstehen."
Hier tritt ein wesentlicher Faktor in das Leben Motahharis, der ohne
Zweifel eine bezeichnende Rolle bei der Ausformung seiner wissenschaftlichen und
philosophischen Persönlichkeit gespielt hat: die Beharrlichkeit, mit der er philosophisch
und mystisch zu denken lernte. Er ist schließlich selbst zu einem großen Helden auf
dieser Stufe des Denkens geworden. "Ich erinnere mich, daß ich von dem Zeitpunkt
an, da ich in Maschhad Arabisch zu studieren begonnen hatte, den Philosophen und Denkern
größeren Wert und große Überlegenheit zumaß, obwohl ich in ihrer Gedankenwelt noch
nicht zuhause war. Ich interessierte mich für sie mehr als für alle Erfinder, Forscher
und andere Wissenschaftler. Und das nur deshalb, weil ich die Ersteren als die Helden der
Welt des Denkens betrachtete". Die alte theologische Schule in Maschhad war eine
der theologischen Schulen des Landes, die große Schwierigkeiten auszuhalten hatten
während der Zeit, als der sogenannte Schah Reza Khan, der erste Tyrann der
Pahlawi-Dynastie, das Land beherrschte. Und die Situation der Schüler und Studenten war
sehr schlimm, so daß die Schule am Rande der Verwaisung und des Zusammenbruchs stand. In
dieser Zeit entschloß sich Motahhari dazu, seine Islamstudien in der heiligen Stadt Qum
fortzusetzen. So verließ er im Alter von 18 Jahren Maschhad und blieb von da an für 15
Jahre in Qum. Er erhielt eine wertvolle Ausbildung durch große Lehrer, insbesondere durch
Imam Khomeini (r.a.), der, mit Worten Motahharis, jene verlorengegangene Person war, nach
der er gesucht hatte. Motahhari sagt in diesem Zusammenhang: "Der Unterricht in
Ethik, den mir diese geliebte Person jeden Donnerstag und Freitag erteilte, war ein
Unterricht, der sich wirklich um den göttlichen Weg und Gnostik (Lehre der
Gotteserkenntnis) drehte; es war nicht nur Ethik in ihrer leblosen, wissenschaftlichen
Form. Sein Unterricht überwältigte mich so sehr, daß ich mich noch bis Montag und
Dienstag von seinem Einfluß beherrscht fühlte. Meine intellektuelle und geistige
Persönlichkeit formte sich zum größten Teil während dieser und ähnlicher
Unterrichtsstunden, die ich zwölf Jahre lang von jenem göttlichen Lehrer erhielt. Ich
fühle mich daher immer ihm gegenüber schuldig."
Im Jahre 1942 fand in Motahharis Leben ein weiteres Ereignis statt, das
mithalf, seine geistige und wissenschaftliche Persönlichkeit auszuformen: Er lernte den
Gelehrten Hadsch Mirza Ali Schirazi Isfahani (r.a.) kennen. Durch dieses Zusammentreffen
lernte er die Sammlung "Nahj-ul-Balagha" der Worte von Imam Ali (a.s.)
kennen, was für ihn zu einem sehr wertvollen Buch wurde. Er fand an diesem Buch und
dessen vieldimensionalen Aspekten spezielles Interesse. Ein Buch mit dem Titel:
"Ein Überblick über Nahj-ul-Balagha" stellte einen kleinen Teil derjenigen
Arbeiten dar, die er nicht mehr imstande war zu vollenden. Das Jahr 1942 war einer der
Meilensteine auf Motahharis Lebensweg: neben dem Besuch der Unterrichtsstunden bei seinen
großen Lehrern - unter ihnen Imam Khomeini (r.a.), Ajatollah Burudscherdi (r.a.) und
Allamah Sayyid Mohammad Hussain Tabatabai (r.a.) - erteilte er auch selbst Unterricht auf
verschiedenen Gebieten.
Im Jahr 1947 lernte Motahhari die Denkschulen des Materialismus kennen.
Dank seiner Begeisterung für das philosophische Studium widmete er sich diesen
sorgfältig. Die Studien sowohl der göttlichen Philosophie als auch der materialistischen
setzte er bis zum Ende seines Lebens fort, und auf diesem Weg war es ihm möglich, die
beiden Philosophien voneinander zu trennen und sie miteinander zu vergleichen, wodurch er
die Authentizität der allumfassenden Sicht des Islam gegenüber den materialistischen
Gedanken aufrechterhalten und bewahren konnte. 1951 besuchte Motahhari die späten
Vorlesungen von Allamah Tabatabai und begann das Buch "Grundsätze der Philosophie
und Methode des Realismus" zu schreiben, das während der vergangenen 20 Jahre
eine entscheidende Rolle gespielt und die Basislosigkeit der materialistischen Denkschulen
bewiesen hat.
Im Laufe seiner Studien an der Theologischen Schule in Qum eröffnete
sich für Motahhari ein weiteres Kapitel: das des Umgangs mit Problemen der islamischen
Gesellschaft und mit politischen wie sozialen Aktivitäten. Für einen Menschen, wie
Motahhari, der die Probleme genaustens zu studieren pflegte und sich um Lösungen für sie
bemühte, und für eine Person, die den Islam und die islamische Gesellschaft liebte, war
alles, was sich auf das Schicksal der Muslims und den Islam bezog, von großer Bedeutung.
Auf der anderen Seite war die Erziehung durch Vorlesungen von Persönlichkeiten wie Imam
Khomeini, der seine Studenten immer dazu anhielt und aufrief, für eine gerechte und
aufrichtige Gesellschaft zu kämpfen und den Islam lebendig und in Bewegung zu erhalten,
ein weiterer Faktor dafür, daß Motahharis Aufmerksamkeit auf die Beschäftigung mit der
islamischen Gesellschaft gelenkt wurde. Das Ergebnis war, daß der große Gelehrte
während der Jahre 1949-51, als die Wellen der Freiheitsbewegung im ganzen Land immer
höher schlugen, auch in diese Bewegungen verwickelt war. Er stand mit den meisten
islamischen Gruppen in Kontakt, welche die Verbesserung der islamischen Gesellschaft
forderten. Eine dieser Gruppen trug den Namen "Fedayin-e-Islam"
(Opferbereite für den Islam).
Während der Zeit seiner Studien legte Motahhari immer, wenn sich Zeit
fand, z.B. bei Treffen mit den anderen Studenten oder bei anderer günstiger Gelegenheit,
die sozialen Probleme offen, und bei den meisten Versammlungen war er der Hauptredner.
Seine Worte wirkten anziehend und besaßen starke Einflußkraft. 1953 kam Motahhari nach
Teheran und heiratete die Tochter eines muslimischen Geistlichen aus Khorasan. Er mietete
sich ein Zimmer zum Leben. Von diesem Zeitpunkt an begann er, zahlreiche Bücher zu
schreiben. Seine erste Arbeit war "Grundsätze der Philosophie und Methode des
Realismus", die 1954 erschien. 1956 wurde er eingeladen, an der Fakultät für
Theologie und Islamwissenschaften zu unterrichten. So begann er dort für 22 Jahre
Unterricht zu erteilen. In dieser Zeit studierte er neben seinen Vorlesungen und
Forschungen sehr genau verschiedene Gebiete der islamischen Kultur und nahm an mehreren
Vortragsreihen über islamische Jurisprudenz, Literatur, Philosophie, soziale und
historische Themen teil. Er kämpfte für die Erziehung und Bildung der jungen Generation,
und darum hielt er an diversen Universitätszirkeln und wissenschaftlichen Körperschaften
häufig Vorträge über die verschiedenen Themen des Islam. Prinzipiell wählte er die
Universität als Haltegriff, um immer Kontakte zu den religiösen Intellektuellen und zu
den Uninformierten vom Westen vergifteten zu haben. In den Jahren von 1958 bis 1971 und
auch noch später war er fast andauernd Sprecher der "Vereinigung muslimischer
Gelehrter". Die meisten Bücher, die Motahhari verfaßt hat, entstanden in dieser
Periode. Die Arbeit an der Universität half ihm, Verbindungen zwischen der Universität
und den theologischen Schulen zu knüpfen; viele Universitätsmitglieder wurden von ihm in
die theologischen Zentren geschickt, damit sie dort lehrten oder unterrichtet wurden.
Motahhari kämpfte hart zur Überbrückung des Spaltes zwischen diesen beiden Organen.
Folgende Werke Ajatollah Motahharis sind veröffentlicht worden:
Gründe für die Neigung zum Materialismus
Materialismus im Iran
Unsichtbare Hilfe im Leben des Menschen
Die Sonne der Religion geht nie unter
Management und Führerschaft im Islam
Die Rechte der Frau im Islam
Das Thema Hidschab" (islamische Bekleidung)
Sexualmoral im Islam und im Westen
Islam und Iran und ihre wechselseitigen Dienste (2 Bände)
Göttliche Gerechtigkeit
Übersicht über Nahj-ul-Balagha
Menschen und Schicksal
Fesselungs- und Anziehungskraft Imam Alis (a.s.)
Aufstand und Revolution Imam Mahdis aus der Sicht der
Geschichtsphilosophie
Islamische Bewegungen während der letzten 100 Jahre
Sozialentwicklung des Islam
Geschichten der Wahrhaftigen (2 Bände)
Gesellschaft und Geschichte
Das ewige Leben oder das Leben im Jenseits (hier in Auszügen
übersetzt)
Zusätzlich zu den erwähnten Werken hat Motahhari noch eine große
Anzahl Vorträge und Essays hinterlassen, die auf Tonträgern erhalten sind. Die
politischen Aktivitäten Motahharis gewannen an Bewegungskraft am 5. Juni 1963 während
der Vorbereitung zur Islamischen Revolution, in der die muslimischen Geistlichkeit eine
sehr bedeutende Rolle gespielt hat und viele aus ihren Reihen verhaftet und ins Gefängnis
gebracht wurden. Motahhari wurde mitten in der Nacht des 5. Juni festgenommen und kam für
43 Tage ins Gefängnis. Später wurde er auf Druck des Volkes und infolge eines
Protestmarsches vieler muslimischer Geistlicher nach Teheran freigelassen. Zu jener Zeit
war Imam Khomeinis Verbindung zum Volke vollkommen abgeschnitten, und Menschen wie
Motahhari trugen in dieser Hinsicht eine schwere Verantwortung auf ihren Schultern. Im
November 1964 wurde Imam Khomeini zunächst in die Türkei, später in den Irak ins Exil
geschickt. Um dieser Situation zu trotzen, trachtete die muslimische Geistlichkeit danach,
sich zu organisieren. Das Ergebnis dieser Bestrebungen war die "Gemeinschaft
kampfbereiter Geistlicher", Motahhari war ein Schlüsselglied dieser Vereinigung
und Imam Khomeinis Vertreter in der Gesellschaft.
In den Jahren 1964 bis 1977 führte Motahhari einen langen Kampf für
die Wiederbelebung der islamischen Grundsätze durch seine zahllosen Vorträge an
verschiedenen Universitäten und islamischen Vereinigungen. Motahhari spielte eine
wichtige Rolle bei der Führung und Leitung der islamischen Koalitionsparteien, die gegen
das diktatorische Regime des inzwischen gestorbenen (Vater des) Schah zu den Waffen
gegriffen hatte. Zu dieser Aufgabe war er von Imam Khomeini bestimmt worden. Nach der
Vorlage des Kapitulationsentwurfs und dessen Annahme durch das Iranische Parlament
verdammte Imam Khomeini in einer Rede diesen verräterischen Akt. Diesem neuen Gesetze
nach sollten alle amerikanischen Militärberater im Iran gegen jegliche Art legaler
Verfolgung immun sein, so daß sie alles tun konnten, was ihnen einfiel. Ein Ergebnis der
Verdammung von seiten Imam Khomeinis war seine Verhaftung und sein Exil in der Türkei.
Das vergrößerte Motahharis Verantwortung sehr.
Die Denkmethode und die wissenschaftlichen Aktivitäten des Märtyrers
Motahhari besaßen besondere wesentliche Merkmale, die teils seiner Natur entsprachen,
teils Produkt jahrelanger harter Arbeit und Selbstreinigung waren. Einige der
Eigenschaften dieses Meisters waren:
1) Tiefgründiges und sorgfältiges Erforschen und Studium der
ideologischen und sozialen Angelegenheiten der Menschen. Diejenigen, die ihn kannten oder
mit seinen Schriften und Reden Umgang hatten, wußten sehr gut, daß die Themen seiner
Gespräche alle sorgfältige Untersuchungen und ein großes Maß an Nachdenken
erforderten. Diese Themen waren sowohl sozialen als auch religiösen Ursprungs. Motahhari
sagt hierzu: "Seit der Zeit, als ich zu der Feder gegriffen hatte, um zu schreiben
- was nun fast 20 Jahre zurückliegt - war das einzige Ziel meines Schreibens das, eine
Lösung für die Probleme zu finden, auf die man in unserer Zeit in den verschiedenen
Bereichen des Islam stößt. Einige meiner Schriften sind philosophische, andere ethische,
soziale oder gehören zum Gebiet der islamischen Jurisprudenz und Geschichte. Obwohl
jedoch die Themen all dieser Schriften voneinander verschieden sind, sich sogar in manchen
Fällen widersprechen, war doch das Ziel, das mit ihnen allen verfolgt wurde, nur ein
einziges". "... Die heilige Religion des Islam ist eine unbekannte
Religion, und die Wahrheiten, die ihr innewohnen, sind den Leuten auf den Kopf gestellt
vorgeführt worden. Die Gründe dafür liegen in unkorrekten Lehren, die den Leuten im
Namen der Wahrheit erteilt wurden; gerade von denjenigen, die schreien, sie unterstützen
diese heilige Religion mehr als alle anderen, erfährt sie heute die übelsten Schläge.
Die Angriffe, die durch den Kolonialismus des Westens durch seine offenbaren oder
verstecken Agenten einerseits und Nachlässigkeit und Trägheit derjenigen, die behaupten,
den Islam zu unterstützen, andererseits auf diese Religion verübt wurden, schlugen sich
in Angriffen auf das islamische Denken in vielen Gebieten - seien es fundamentale oder
aufbauende Gebiete des Islam - nieder. Darum fühlte ich mich verantwortlich, meine
Pflicht in dieser Hinsicht, so gut ich konnte, zu erfüllen."
Motahhari begann die Bücher "Die Rechte der Frau im
Islam" und "Das Thema "Hidschab" " zu schreiben und
hielt außerdem Vorlesungen zu einer Zeit, als er beobachtete, wie der Kolonialismus sich
darum bemühte, die Kultur des Volkes zu verändern und die islamische zurückhaltende
Bekleidung in Verruf zu bringen, um die freie muslimische Frau zu einem leeren Gegenstand
zu machen, der nur den tierischen Begierden des Mannes genügt, zu einer Zeit, als
Anstrengungen unternommen wurden, die Familie aufzuspalten und von ihnen die ihr
innewohnenden islamischen Werte zu trennen und die muslimischen Iraner in Kreaturen zu
verwandeln, denen es nichts ausmachte, ausgebeutet, ausgeräubert oder versklavt zu
werden. Motahhari, der es nicht ertragen konnte, Zeuge solcher Entwicklungen zu sein,
erhob sich zum Widerstand und begann zu schreiben, zu reden und viele Vorträge in dieser
Beziehung zu halten. In seinem Buch: "Das Thema "Hidschab" " schreibt
er: "Nacktheit ist ohne Zweifel die Krankheit unserer Tage, und diese wird früher
oder später eingeführt werden. Gesetzt den Fall, wir imitierten blind den Westen, so
werden die westlichen Pioniere selbst die Natürlichkeit dieses Phänomens verkünden.
Aber ich fürchte, es wird zu spät werden, wenn wir darauf warten, bis sie es verkünden."
"... Die Bezeichnung 'Hidschab' für die Bedeckung der Frau ist ein relativ neuer
Ausdruck. Die islamischen Juristen haben eher das Wort 'Sitre' anstelle von 'Hidschab'
verwendet, welches 'Bedeckung' bedeutet. Das Wort 'Hidschab' hat zwei Bedeutungen: erstens
'Bedeckung' und zweitens 'Vorhang', und es wird mehr im letzteren Sinn verwendet und nicht
für die Bedeckung des Körpers. Die Bedeckung der Frau meint, daß Frauen in ihrem Umgang
mit Männern sich selbst bedecken und sich den Männern nicht zur Schau stellen sollten.
Die Bedeckung im Islam hat eine generelle und fundamentale Grundlage, nämlich die, daß
alle sexuellen Leidenschaften und fleischlichen Genüsse nur auf den Kreis der Familie und
den Rahmen der legalen Ehe beschränkt bleiben müssen, so daß die Gesellschaft für die
Arbeit und für soziale Aktivitäten rein erhalten bleibt. Dieser Schritt des Islam
richtet sich vollständig gegen das westliche System, in dem gegenwärtig fleischliche
Begierden und soziale Aktivitäten miteinander vermengt werden." In dem Buch "Die
Rechte der Frau im Islam" greift Motahhari eines der lebendigsten und
empfindlichsten Gesellschaftsthemen auf, das des Systems und der Ordnung der Frauenrechte.
Motahhari versucht zunächst, die Wurzeln und Gründe dieses Themas offenzulegen, und
danach bezieht er sich auf den Standpunkt des Heiligen Qur'ans hierzu, wobei er das
Frauenrechtssystem von verschiedenen philosophischen, psychologischen und soziologischen
Gesichtspunkten aus betrachtet.
Motahhari gibt in seinem Buch: "Islam und Iran und ihre
wechselseitigen Dienste" Antwort auf eine Entwicklung, die zu jener Zeit
existierte und das Ziel verfolgte, eindimensionale Gefühle des Nationalismus und der
Entfremdung von Islam und Iran hervorzurufen, um die Anziehungskraft des Islam und die
Liebe des Volkes zu ihm zu schwächen. Er stellte deutlich heraus, daß sich unser Glaube
und unsere Überzeugung nicht gegen die Liebe zum Vaterland wendet, und daß unsere
Vorfahren deshalb in vielerlei Hinsicht dem Islam wertvollste und größte Dienste
erwiesen haben. Motahhari schreibt in einem Abschnitt dieses Buches: "Der
Kolonialismus fand in seiner Politik des "divide et impera (teile und herrsche)"
keinen besseren Weg als den, die Aufmerksamkeit der islamischen Staaten und Nationen auf
ihre Nationalitäten und ethnischen Eigenheiten zu lenken und sie somit damit zu
beschäftigen, mit Stolz auf irgendwelche unklaren Ruhmesinhalte der Vergangenheit zu
blicken. Sie erzählten den Indianern, daß ihre Vergangenheit den und den Hintergrund
habe; der türkischen Jugend injizierten sie die Bildung einer pan-türkischen Bewegung
und erzählten den Arabern, die mehr als alle anderen Völker Anlagen zu diesem Vorurteil
zeigen, daß sie auf den Pan-Arabismus zurückkommen sollten, und schließlich sprachen
sie den Persern von ihrer Arier-Rasse und daß sie daher den Arabern überlegen seien, die
von semitischer Rasse abstammen..." "Die Gemeinsamkeiten des Islam und
des Iran sind Gegenstand des Stolzes sowohl für den Islam als auch für den Iran. Was den
Islam angeht, so ist er eine Religion, die dank ihrer inhaltlichen Reichhaltigkeit in der
Lage war, eine zivilisierte Nation zu sich anzuziehen, und was den Iran betrifft, so ist
er eine Nation, die Wahrheit ohne jegliche Vorurteile liebt und bereit ist, sich auf ihrem
Pfad zu opfern." Ein anderes Thema jener Zeit war das des Materialismus.
Motahharis Kampf gegen den Marxismus begann mit seinem Buch: "Prinzipien der
Philosophie und Methode des Realismus". Dieses Buch beschäftigt sich mit den
Vorstellungen der islamischen Philosophen, und zu jedem Punkt fügte Motahhari Fußnoten
an, welche die Vorstellungen der anderen Denkschulen einschließlich des Marxismus in
Betracht zogen, und diese kritisierte er. Der Marxismus war ein Spezialgebiet Motahharis,
und er verbrachte einen großen Teil seines Lebens mit Studien und Forschungen über diese
Denkschule. Er wußte genau Bescheid über die Differenzen zwischen diesen Denkschulen und
einer göttlichen Philosophie. Motahhari setzte sich mit den Wurzeln der Neigung zum
Materialismus im Iran sowie der Welt auseinander, was sich in seinem Buch: "Gründe
für die Neigung zum Materialismus" manifestierte. Darin stellte er die
verschiedenen Aspekte dieses Problems vom philosophischem, religiösem, historischem,
sozialem und ökonomischem Standpunkt aus dar. In diesem Buch schreibt er: "Mit
der zunehmend verbreiteten Tendenz und den Faktoren, die früher unter der Bezeichnung
'Versagen der Kirchenmeinung und des Kirchenverständnisses sowie der europäischen
philosophischen Dogmen' erwähnt wurden, ist eine neue Welle aufgebracht worden, die
entweder Wissenschaft oder Religion, entweder Wissen oder Gott proklamierte. Aber diese
falsche Welle wurde zerschlagen und es wurde offensichtlich, daß sie keine Basis besaß.
Die Anziehungskraft des Materialismus entstammt in unserer Zeit einer anderen Quelle, und
diese bildet seine sogenannte revolutionäre Kampfnatur." Mit dem Ausbruch der
Revolution und dem Anwachsen des Kampfgeistes kam die Tendenz auf, westliche mit
östlichen Philosophien zu vermischen, und um diesen Verirrungen entgegenzutreten, schrieb
Motahhari ein Buch mit dem Titel "Weltsicht des Monotheismus". In diesem
Buch wird das Weltbild des Islam erklärt und dabei wird auf die Themen Monotheismus und
Gerechtigkeit eingegangen. Zunächst wird das Wort "Weltsicht" definiert,
dann wird seine Bedeutung studiert. Es wird über die Tatsache nachgedacht, daß alle
Religionen und Schulen des Denkens und Handelns sowie die Sozialphilosophien jeweils eine
Art Weltsicht zur Grundlage haben. Motahhari kommt zu dem Schluß: "Eine Weltsicht
bildet die Pfeiler einer Ideologie oder eines Glaubens, wenn sie religiös wird."
Schließlich kommen die Themen Menschheit und Annäherung an die Einheit der Realität der
menschlichen Natur sowie Annäherung der menschlichen Gesellschaft an Einheit und
Solidarität innerhalb eines harmonischen Sozialsystems, das sich auf dem Weg zur
Vervollkommnung befindet, zur Diskussion. In diesem Zusammenhang kommen die drei
Ansichten: Materialismus, Idealismus und Realismus zur Sprache und werden jeweils
miteinander verglichen, und die Ansicht des Realismus, die zugleich die des Islam ist,
wird akzeptiert. "Eine klassenlose islamische Gesellschaft bedeutet eine
Gesellschaft ohne Diskriminierung, Entrechtung, Abgötter, und sie ist gerecht und kennt
keine Unterdrückung. Sie bedeutet nicht: gleichgültige Gesellschaft, denn das Verharren
in der Gleichgültigkeit ist selbst eine Art von Unterdrückung und Ungerechtigkeit. Es
gibt einen Unterschied zwischen Diskriminierung und Verschiedenheit, genauso wie
Unterschiede bereits in der Schöpfung der Welt existiert haben, die Schönheit,
Verschiedenheit, Fortschrittlichkeit und Perfektion hervorgebracht hat. Das islamische
Ideal ist ein Ort ohne Diskriminierung und nicht einer ohne Verschiedenheit. Eine
islamische Gesellschaft ist eine Gesellschaft der Gleichheit und Brüderlichkeit."
"... Eine islamische Gesellschaft ist eine natürliche Gesellschaft und keine
diskriminierende, auch keine Gesellschaft, die sich auf negativer Gleichheit begründet.
Man arbeitet in ihr nach seinen Fähigkeiten und man bekommt entsprechend seiner Arbeit
seinen Lohn."
Motahhari studierte auch tiefgründig Ökonomie und Eigentum. In Bezug
auf den Besitz an Maschinen glaubte er an das Dekret von der höchsten religiösen
Führung (Idschtihad), denn nach seinen Worten war die Erfindung von Maschinen ein neues
Phänomen, das in der islamischen Jurisprudenz zuvor nicht existiert hatte, genausowenig
wie Zoll, Versicherung oder Bankwesen. In Bezug auf diese Gebiete sollten schrittweise
religiöse Dekrete herausgebracht werden. Er glaubte, daß die Maschine kein
Produktionsmittel sei, da alle Werkzeuge eine Definition und eine Begrenzung besäßen.
Werkzeuge sind von diesem Gesichtspunkt aus gesehen diejenigen Dinge, die dem Menschen
ermöglichen, besser zu arbeiten, wie z.B. der Spaten, mit anderen Worten, sie befolgen
die Arbeit und erleichtern sie dem Arbeitenden, während die Maschine keine Werkzeug ist
und sich naturgemäß von ihm unterscheidet, da sie nicht den Arbeitenden befolgt. Sie
stellt viel eher eine produktive Kraft dar, die selbst Arbeitsvollzug schafft. Eine
Maschine arbeitet, wobei der Mensch ihr zuschaut. Darüberhinaus gibt es Maschinen, die
andere Maschinen erschaffen, wie Menschen, die andere Menschen zeugen. Motahhari kommt
daher zu dem Schluß, daß eine Maschine wegen ihrer Natur nicht als Werkzeug zu
definieren ist. Wie er es ausdrückt, korrespondiert die Situation der Maschine mit
derjenigen der Sklaverei im Islam; im Islam haben die Werkzeuge einen Besitzer, die
Maschinen dagegen nicht, denn es gibt im Islam keine ökonomische Sklaverei. Diese
Betrachtungen über die Maschine und über die Mechanisierung wurden bis dahin von niemand
anderem diskutiert. Viele - einschließlich derer, die am Sozialismus hingen - haben den
öffentlichen Besitz von Maschinen erwähnt, aber Motahhari ist der Überzeugung, daß
keiner von ihnen sich dabei auf eine logische Basis beruft, und die Gesichtspunkte der
Marxisten und der anderen seien vielmehr rein gefühlsmäßig erstellt. Sie verneinen den
Privatbesitz an Maschinen entsprechend ihrer natürlichen Neigung dahingehend, daß es
keine ökonomische Ausbeutung und Unterdrückung geben sollte.
2) Motahhari besaß eine ausgeprägte Fähigkeit zuzuhören und alle
Gesichtspunkte und Aussagen philosophischer, religiöser und sozialer Natur zu verstehen.
Das ist notwendig für jeden, der sich bemüht, engagiert und verantwortlich zu sein. Er
sollte zuerst die Glaubensinhalte und Vorstellungen der verschiedenen Religionen und
Denkschulen unparteiisch studieren und diejenigen, welche die Quellen für Irreleitung
bilden, zurückweisen. Dann sollte er die korrekten Antworten und Wege vorstellen. Diese
Methode, die in fast allen seinen Werken nachvollzogen werden kann, wurde von Motahhari
angewendet.
3) Wenn er die Opposition zitierte, trachtete er nie danach, die Zitate
zu verfälschen, sondern zitierte exakt und genauso, wie sie lauten mußten. Da er sich
immer beim Forschen befand, mußte er die Ideen und Glaubensüberzeugungen der
verschiedensten Denkschulen zitieren, und das tat er in seinen Büchern, ohne sie im
geringsten zu verändern.
4) Er war ein unverwüstlicher Kämpfer für den freien Ausdruck und
die Denkfreiheit. Er hatte klar begriffen, daß die Kraft der Wissenschaft und die
Ausdrucksfreiheit für die Opposition die einzigen Mittel waren, den Islam zu schützen
und zu bewahren. In seiner Rede, die er im Februar 1979 an der Theologischen Fakultät
hielt, sagte er: "Jede Denkschule, die an ihre eigene Ideologie glaubt, muß
unbedingt die Ausdrucks- und Denkfreiheit unterstützen. Jede Denkschule dagegen, die
nicht an ihre Ideologie glaubt, verbarrikadiert den Weg hin zur Denk- und
Ausdrucksfreiheit. Solche Schulen versuchen, das Volk innerhalb eines begrenzten Rahmens
zu halten und das Wachsen ihrer Gedanken zu verhindern." "... Ich verkünde
hiermit, daß in der Islamischen Republik den Gedanken keine Grenzen auferlegt werden, und
es wird nichts der Kanalisierung des Denkens ähnliches geben. Alle müssen
selbstverständlich frei sein, die Ergebnisse ihres Denkens zu äußern. Ich muß hier
allerdings betonen, daß das nichts mit den Plänen und den Ausarbeitungen von
Verschwörungen zu tun hat. Keiner hat das Recht und die Erlaubnis, verschwörerische
Pläne zu schmieden, die Äußerungen geistreicher Gedanken aber bleibt frei."
"... Hiermit verkünde ich allen nicht-muslimischen Freunden, daß das Denken aus
islamischer Sicht für alle frei ist. Jeder kann denken, wie er will und seine Gedanken
zum Ausdruck bringen, vorausgesetzt, es sind seine eigenen Gedanken. Jeder ist frei, die
eigenen Gedanken zur Niederschrift zu bringen, und keiner wird ihn daran hindern."
"... Der Islam war in der Lage, seine Existenz bis heute zu
bewahren dank seiner Freiheit. Wenn in der Frühzeit des Islam jeder, der gesagt hat, er
glaube nicht an Gott, geschlagen und umgebracht worden wäre, so existierte heute etwas
dem Islam ähnliches nicht mehr. Der Islam überlebte, weil er sich den Gedanken in ihrer
Vielfalt mit Mut und Standhaftigkeit gestellt hat."
5) Motahhari machte Gebrauch von seinen neuen Gedanken, indem er
Lösungen für die Probleme und Fragen, die sich aus Philosophie, Religion, Gesellschaft
und Moral ergaben, anbot. Er benutzte auch logische Methoden, um die islamischen
Grundsätze zu beweisen, was sich anhand seiner Werke nachvollziehen läßt. Allamah
Tabatabai, Motahharis Lehrer, sagte in Bezug auf seine Fähigkeiten: "Was auch
immer ich sagte und über die verschiedensten Gebiete lehrte, ich war sicher, daß ich
meinen Atem nicht verschwendete, wenn Motahhari unter den Studenten saß".
6) Es ist eigentlich selbstverständlich, daß alle Anstrengungen eines
Menschen hin zum Erlangen der Wahrheit zwecklos sind, solange er nicht geistig und
moralisch befreit ist und solange er sich selbst nicht erzogen und von Selbstsucht und
Egoismus gereinigt hat. Motahhari war das lebende Beispiel einer freien Persönlichkeit,
die sich verstandesmäßiger und mystischer Fähigkeiten erfreute. Während ihn Gnosis und
spirituelle Einsicht anzogen, ließ er sich nicht von sozialen und politischen Problemen
ablenken. Er fühlte sich verpflichtet, die Einladungen zum Unterrichten an verschiedenen
Orten anzunehmen und sich dabei verschiedenen Themengebieten zu widmen, und er hielt sich
auch nicht von der Teilnahme an privaten Diskussionen, wo immer er sie für sinnvoll
hielt, zurück. Er war ein aktiver Schriftsteller und glaubte, daß durch harte Arbeit
Nachlässigkeiten überwunden werden könnten. 1978, als die Islamische Revolution an
Stoßkraft gewann, stufte Motahhari seine politischen Aktivitäten noch höher und
verließ Teheran, um in Paris Imam Khomeini zu treffen. Während seines Besuches wies Imam
Khomeini ihm die Aufgabe zu, einen Revolutionsrat zu gründen, und dieser Aufgabe kam er
in bestmöglicher Weise nach. Nach Imam Khomeinis Rückkehr in den Iran war Motahhari
ununterbrochen mit ihm zusammen.
Am 1. Mai 1979 schließlich erlangte er durch den verbrecherischen
Anschlag der Gruppe namens Furqan, als er von einer Versammlung des Revolutionsrats kam,
das Martyrium. Sein reines Blut belebte die Islamische Revolution wieder, denn wie er
selbst gesagt hatte: "Das Blut der Märtyrer ist nie verschwendetes Blut, denn
jeder Tropfen dieses Blutes bringt Tausende frischer Tropfen, ja Tonnen von Blut hervor,
und dieses wird dem Körper der Gesellschaft injiziert. Martyrium bedeutet Injektion
frischen Bluts in den Körper der Gesellschaft, besonders in einer Zeit, wenn die
Gesellschaft an Blutmangel leidet."
Am folgenden Tag sagte Imam Khomeini unter Tränen: "Ich habe
mit ihm einen geliebten Sohn verloren, eine Persönlichkeit, die Frucht meines Lebens war,
und ich trauere tief um ihn... Ich habe einen Sohn verloren - aber trotzdem erfüllt es
mich mit Freude, daß es Sprößlinge dieser Nation gibt, die so aufopferungsbereit sind
wie er. Motahhari, dessen Seele an Reinheit und Glaubenskraft an Stärke die anderer weit
übertraf und dessen Rede eine einzigartige Wirkung ausströmte, ging von uns und
erreichte damit die höchste Stufe des Menschseins. Aber die böswilligen Menschen müssen
sich darüber im klaren sein, daß mit seinem Gehen seine islamische, wissenschaftliche
und philosophische Persönlichkeit nicht gegangen ist. Ein Terror kann nicht die
islamische Persönlichkeit eines Muslims treffen. Sie müssen wissen, daß unser Volk,
wenn Gott, der Allmächtige, hilft, durch den Verlust solch großer Persönlichkeiten für
den Kampf gegen Verderbnis, Tyrannei und Kolonialismus nur neue Kraft gewinnt. Unser Volk
hat seinen Weg gefunden, und es wird nicht ruhen, bis alle verfaulten Wurzeln des
ehemaligen Regimes und dessen verabscheuungswürdiger Anhänger ausgetilgt sein werden.
Martyrium und Opferbereitschaft sind es, die den Islam groß gemacht haben. Den Weg des
Islam prägt seit den ersten Offenbarungen Gottes an den Propheten (s.a.s.) bis heute Mut
und Martyrium".
So bezeugte Imam Khomeini (r.a.) seine Wertschätzung für die
islamische Persönlichkeit Märtyrer Motahharis, eines lebendigen Märtyrers, der während
der Zeit seines Lebens mit mächtigen Gedanken und einflußreicher Feder die islamischen
und philosophischen Probleme analysiert und Werke von unschätzbarem Wert hinterlassen
hat.
Möge man sich seiner immer erinnern!
Seine Seele ruhe in Frieden,
und sein Weg möge reich sein an Nachfolgern.
DAS EWIGE LEBEN
Im Namen Allahs des Allerbarmers, des Barmherzigen
Die Auferstehung:
Grundlagen der islamischen Weltanschauung
Eines der Prinzipien der islamischen Weltanschauung, zugleich ein
wichtiger Grundpfeiler des islamischen Glaubens, ist der Glaube an ein ewiges Leben. Der
Glaube an die andere Welt ist eine essentielle Voraussetzung dafür, daß man Muslim ist.
Das heißt, wenn jemand diesen Glauben ablehnt, wird er nicht länger als Muslim
betrachtet. Alle Propheten Gottes (a.s.) haben ausnahmslos nach dem Grundsatz des
Monotheismus diesen Glaubensinhalt als den wichtigsten herausgestellt und die Leute dazu
aufgerufen, daran zu glauben. Unter islamischen Apologisten läuft dieser Glaubensinhalt
als "Auferstehung". Wir begegnen im Heiligen Qur'an hunderten von Versen,
welche die Welt nach dem Tod, den Tag der Auferstehung, die Auferstehung von den Toten,
Gericht und Werteskala, Aufzeichnung unserer Taten, Himmel und Hölle, Ewigkeit der
nächsten Welt und andere Themen bezüglich der Welt nach dem Tod behandeln. Es gibt
jedoch zwölf Verse im Heiligen Qur'an, die den "Glauben an das Jüngste
Gericht" speziell erwähnen. Der Heilige Qur'an präsentiert verschiedene
Ausdrücke für den Tag der Auferstehung, und jeder davon ist ein Tor zur Weisheit. Einer
dieser Ausdrücke lautet: "al-yaum-al-achir", was soviel bedeutet wie "der
letzte Tag", wobei der Heilige Qur'an uns an zweierlei erinnert:
a) Nicht nur das Leben des Menschen, sondern auch das Leben der ganzen
Welt teilt sich in zwei Zeitabschnitte, von welchen jeder als ein Tag bezeichnet wird. Der
erste Tag oder Zeitabschnitt, bezogen auf die diesseitige Welt, ist zeitlich begrenzt. Der
letzte Tag, der sich auf die jenseitige Welt bezieht, dauert unendlich. Im Heiligen Qur'an
finden sich noch weitere Ausdrücke, die das Leben in dieser Welt als "erstes
Leben" und das in der anderen Welt als "Auferstehung"
bezeichnen.
b) Verbringen wir dieses Leben oder diesen Zeitabschnitt, noch nicht
konfrontiert mit dem letzten Tag oder Zeitabschnitt, der vor unseren Augen verborgen ist,
so hängt unser Glück in dieser Welt sowie in der anderen von dem Glauben an diesen Tag
ab. Unsere hiesige Glückseligkeit steht deshalb mit diesem Glauben in engstem
Zusammenhang, weil er uns an die Ergebnisse unserer Handlungen erinnert. Auf diese Weise
erkennen wir, daß unsere Handlungen, unser Benehmen, unsere Gedanken, Worte und
Moralvorstellungen, genauso wie das Leben des Menschen selbst, vom wichtigsten bis hin zum
trivialsten einen Anfang und ein Ende besitzen. Unser Glück an jenem Tag hängt, wie im
folgenden noch detailliert abgehandelt werden soll, an diesem Glauben, denn in der anderen
Welt wird der Mensch dem Licht seiner tugendhaften Handlungen in dieser Welt entsprechend
belohnt, oder es erwartet ihn die Strafe als Resultat seiner bösen Taten. Darum
betrachtet man den Glauben an die Auferstehung als eine essentielle Voraussetzung für das
Glück des Menschen.
Ursprung und Quelle
des Glaubens an ein jenseitiges Leben
Der Ursprung und die Quelle des Glaubens an die Ewigkeit und an ein
jenseitiges Leben liegen in erster Linie in Gottes Offenbarungen, von Seinen Gesandten zu
der Menschheit überbracht. Kommt der Mensch dazu, Gott zu erkennen und an die Wahrheit
der Sendung der Propheten (a.s.) zu glauben und kommt er zu der Erkenntnis, daß das, was
sie verbreitet haben, Offenbarung Gottes ist, so wird er, um auf dem rechten Weg zu
bleiben, den Glauben an den Tag der Auferstehung und das ewige Leben finden, also an das
wichtigste Glaubensprinzip - so verkünden es alle Propheten (a.s.) - des Monotheismus.
Einerseits hängt der Grad des Glaubens des Menschen an das jenseitige Leben von seinem
Glauben an den Grundsatz vom Prophetentum und ebenso seinem Glauben an die Wahrheit der
Botschaften der Propheten ab. Andererseits ist es das Wissen generell und der Grad an
Genauigkeit, Logik und Sinn für ein Konzept vom Tag des Jüngsten Gerichts, der ihn
bestimmt. Neben Gottes Offenbarung, die den Menschen mittels Seiner Propheten (a.s.)
weitergegeben wird, gibt es noch andere Wege, Zeichen und Hinweise für den Glauben an die
Auferstehung; es sind Resultate der geistigen, logischen und wissenschaftlichen
Anstrengungen des Menschen. Diese bestätigen die Wahrheit der Botschaften der Propheten
(a.s.) in Bezug auf den Tag des Jüngsten Gerichts. Es handelt sich dabei um:
a) den Weg zur Gotterkenntnis
b) den Weg zur Erkenntnis der Universums
c) den Weg zur Erkenntnis des Geistes und der Seele des Menschen.
Uns betreffen nun diese Wege, die eine Reihe philosophischer und
wissenschaftlicher Argumente erfordern, nicht. Wir wollen das Thema allein auf Grund der
Offenbarung und das Prinzip vom Prophetentum besprechen. Aber da diese Wege im Heiligen
Quran selbst angeführt und klassifiziert werden, werden wir später in einem
Abschnitt mit dem Titel "Überlegungen über die andere Welt im Heiligen
Quran" darauf kommen. Die folgende Aufteilung des Themas "ewiges
Leben" und "anderes Leben" aus islamischer Sicht halte ich nun
für unabdingbar:
* Die Natur des Todes
* Das Leben nach dem Tode
* Die Übergangswelt
* Der Tag des Jüngsten Gerichts
* Verbindung zwischen der diesseitigen und der jenseitigen Welt
* Manifestierung und Unvergänglichkeit der Handlungen und
Errungenschaften des Menschen
* Übereinstimmungen und Unterschiede zwischen dem Leben in dieser und
dem in der anderen Welt
* Argumente und Beweise für die andere Welt im Heiligen Quran
* Gottes Gerechtigkeit
* Gottes Weisheit
Die Natur des Todes
Was ist der Tod? Ist er Sterblichkeit und Zunichtewerden? Oder bedeutet
er Übergang und Übersendung von einem Ort zum anderen, von einer Welt in die andere?
Schon immer hat sich der Mensch diese Frage gestellt. Jeder versucht, direkt eine Antwort
zu finden oder dem Glauben zu schenken, was dazu geäußert werden ist. Der Heilige
Quran gibt eine besondere Antwort mit einer speziellen Interpretation der Natur des
Todes. Er verwendet den Ausdruck "tawaffa" für den Tod. "Tawaffa"
und "istifa" leiten sich beide von derselben Wurzel "wafa"
ab. Im Arabischen wird das Wort "tawaffa" für jede vollständige
Empfängnis benutzt, bei der nichts fehlt oder weggelassen worden ist. "Tawaffat-ul-mal"
bedeutet: Ich habe das Vermögen vollständig erhalten. Dieser Ausdruck nun findet in
vierzehn Versen des Heiligen Quran für den Tod Verwendung, woraus wir schließen,
daß der Tod etwas ist, was wir empfangen. Das bedeutet, im Augenblick, wo der Mensch
stirbt, wird er den göttlichen Dienern überantwortet, die ihn in seiner vollkommenen
Wirklichkeit und Persönlichkeit in Empfang nehmen. Folgende Vorstellungen leiten sich von
dieser Ausdrucksweise des Heiligen Quran her:
a) Tod bedeutet nicht Sterblichkeit, Zerstörtwerden und Vernichtung.
Es ist ein Übergang von der einen in die andere Welt und von einem Zustand in den
anderen, wo das Leben des Menschen in einer anderen Form fortgesetzt werden wird.
b) Das, was das Menschen wirkliche Persönlichkeit ausmacht und als
sein "Selbst" betrachtet wird, sind nicht sein Körper, seine Organe oder
untergeordnete Elemente des Körpers, denn diese sind sterblich und bilden keine Einheit.
Das, was unser Persönlichkeit ausgestaltet und als unser echtes "Selbst"
betrachtet wird, wird im Heiligen Quran als "Seele" oder
gelegentlich als "Geist" interpretiert.
Geist oder Seele des Menschen, die Grundlage, auf der sich sein "Selbst"
bestimmt und von deren Unsterblichkeit seine eigene Unvergänglichkeit abhängig ist,
nimmt einen Horizont oberhalb des Horizonts von Gegenständen und materiellen Elementen,
eine existentielle Position ein. Obwohl Geist bzw. Seele das Produkt der gegenständlichen
Evolution der Natur ist, werden Existenzhorizont und reale Position der Natur verändert
und erhöht, d.h. sie werden zu einer anderen metaphysischen Welt hin entwickelt. Mit dem
Tod wird Geist bzw. Seele in einen Zustand transformiert, der selbst eine Kategorie des
Geistes ist. Er erwirbt, anders ausgedrückt, die jenseits der Physik liegende Wahrheit.
Der Heilige Quran hat in den anderen Versen über die Erschaffung des Menschen
gesprochen, ohne dabei Auferstehung und ewiges Leben zu erwähnen, aber er hat einiges an
ihm als real herausgestellt, was in Qualität und Kategorie über denen von Lehm und
Wasser liegt. In Bezug auf Adam heißt es:
"Und ich blies ihm Geist von mir ein." (Heiliger
Quran 15:29).
Geist, Seele und das Weiterleben des Geistes nach dem Tode gehören zu
den bedeutendsten Themen der islamischen Wissenschaften. Die Hälfte aller
grundsätzlichen und unanzweifelbaren islamischen Wissenschaften gründet sich auf die
Originalität des Geistes, auf seine Unabhängigkeit vom Körper und sein Weiterleben nach
dem Tod. Humanität sowie echte menschliche Werte basieren ebenso auf dieser Wahrheit,
ohne die sie völlig imaginär wären. Alle Verse, die deutlich das Leben, das
unverzüglich dem folgt, beschreiben - einige davon werden in diesem Aufsatz angeführt -
beweisen die Tatsache, daß der Heilige Quran den Geist als eine Realität, die
unabhängig vom Körper existiert, und als überlebendes Element nach dessen Vernichtung
bestimmt. Manche Leute denken, gemäß dem Heiligen Quran gebe es keinen Geist oder
keine Seele, und das Leben des Menschen ende mit dem Tod; es gäbe keinen Sinn, Freud und
Leid bis zum Jüngsten Gericht dauernd begreifen zu wollen, wo einen ein neues Leben
erwartet. Erst dort finde man sich und die Welt wieder. Die Verse jedoch, die explizit das
Leben direkt nach dem Tode beschreiben, sind genaue Beweise für die Verwerflichkeit
solcher Ansichten. Die besagten Leute stellen fest, der Vers: "Der Geist steht
meinem Herrn zu Diensten" (Heiliger Quran 17:85),
sei für diejenigen, die an den Geist glauben, der Beweis. Sie aber vertreten die Ansicht,
hinter dem Wort "Geist", das wiederholt im Heiligen Quran
auftaucht, stecke eine andere Bedeutung. Der Vers jedoch illustriert dieselbe Bedeutung
wie die anderen Verse. Solche Leute wissen eben nicht, daß die Grundlage für die
Überzeugung jener, die an die Seele glauben, nicht allein dieser Vers, sondern noch
zwanzig weitere Verse bilden. Dieser sowie die anderen Verse behandeln das Wort "Geist"
einzeln oder in Kombinationen wie "unser Geist", "der heilige
Geist", "mein Geist", "der Geist ist unser
Befehlshaber" gebraucht, einschließlich des Verses, der sich um den Menschen
dreht: "Und ich blies ihm Geist von mir ein"; diese Stellen zeigen an,
daß aus Sicht des Heiligen Quran eine Wahrheit existiert, die sich "Geist"
nennt und über Engeln und Mensch schwebt. Engel und Mensch besitzen somit durch Gottes
Gnade diese "befohlene" Wahrheit (ihren Geist). Alle Verse über den
Geist weisen darauf hin, daß der Geist eine nicht-physikalische Wahrheit besitzt.
Der Ursprung des Geistes findet nicht nur in verschiedenen Versen des
Heiligen Quran Bestätigung, sondern auch in Äußerungen des Propheten Muhammad
(s.a.s.) und der reinen Imame in den Büchern der Überlieferungen und dem
Nahj-ul-Balagha, dem Buch des ersten Imams. Die Verneinung des Geistes ist tatsächlich
eine häßliche westliche Idee, die aus dem westlichen Materialismus und Sensualismus
entspringt und unglücklicherweise auch einige der aufrichtigsten Nachfolger des Heiligen
Quran in seinen Einflußbereich zieht. Folgende Beispiele stellen drei von den vier
Versen vor, die den Tod als "tawaffa" interpretieren und die dem Menschen
eine Reihe vitaler Handlungen wie Unterhaltung, Wunschempfindung und Erwartungen nach dem
Tode zuschreiben.
"Zu denen, die gegen sich selbst gefrevelt haben, sagen die Engel,
wenn sie diese empfangen: 'Wonach strebted ihr? 'Sie sagen: "Wir waren im Land
unterdrückt.' Sie (die Engel) sagen: "War (denn) die Erde Gottes nicht weit (genug),
so daß ihr darauf hättet auswandern können?' Sie sind es, deren Aufenthalt die Hölle
sein wird - und übel ist die Bestimmung." (Heiliger Quran
4:97).
Dieser Vers handelt von denen, die in ungünstiger Umgebung leben, wo
der Wille von anderen herrscht. Diese Menschen sind dazu verurteilt, ihre Umgebung zu
ertragen. Sie suchen nun nach Entschuldigungen in Ausdrücken wie: "Die Welt ist
verderbt, die Umstände sind ungünstig, wir sind durch die Fruchtlosigkeit unserer
Versuche, etwas dagegen zu tun, entmutigt." So leben sie innerhalb dieser
verderbten Umgebung, geben ihren Methoden nach und versinken in ihrem moralischen Sumpf,
anstatt sie zu verändern oder wenigstens sich selbst ihren Übeln zu entziehen, wenn eine
Veränderung unmöglich ist. Wenn Gottes Geisteswesen sie dann abberufen, reden diese zu
ihnen und beurteilen ihre Entschuldigungen als nicht zu rechtfertigen, weil sie zumindest
an einen anderen Ort hätten ziehen können. Die Engel erinnern sie an ihre Fehler und
geben ihnen zu verstehen, daß sie für ihre Sünden und die Unterdrückung, die sie
erlitten haben, selbst verantwortlich sind. In diesem heiligen Vers betont der Heilige
Quran, daß Armut und Mutlosigkeit innerhalb einer bestimmten Umwelt keine zu
rechtfertigende Entschuldigungen sind, es sei denn, es hätte keinerlei Möglichkeit
bestanden, den Wohnsitz zu ändern. Wie in diesem heiligen Vers deutlich wird, wird der
Tod, der scheinbar Zerstörung, Sterblichkeit und Lebensende ist, als "tawaffa"
- Empfang - interpretiert. Er bezieht sich nicht durch das Wort "tawaffa"
auf den Tod, sondern macht auch explizit klar, daß eine Unterhaltung und Besprechung
zwischen Engeln und Mensch in den Augenblicken nach dem Tod stattfindet. Wäre das Selbst
des menschlichen Wesens gänzlich sterblich und ein rein unbewußter, sinnloser Körper,
so wäre eine Unterhaltung nach dem Tod absurd. Dieser Vers impliziert das Reden des
Menschen mit anderen Augen, anderen Ohren, einer anderen Zunge mit unsichtbaren
Geschöpfen, Engel genannt, wenn er diese Welt und diese Lebensumstände verlassen hat.
"Und sie (d.h. die Ungläubigen) sagen: 'Sollen wir etwa, wenn wir
uns in der Erde verloren haben, in einer neuen Schöpfung sein?' Nein, sie glauben nicht,
daß sie ihrem Herren begegnen werden" (Heiliger Quran
32:10).
Der Heilige Quran greift mit diesem Vers eines der Probleme und
Zweifel der Ungläubigen in Bezug auf den Tag der Auferstehung und das ewige Leben auf und
löst es. Das Problem und der Zweifel bestehen hierbei darin, wie wir nach dem Tod, wenn
unser Körper zerfallen und aufgelöst ist, wieder neu erschaffen werden sollten. Alle
diese Zweifel sind Vorwände und vorgeschobenes Ergebnis von Glaubenslosigkeit und
Ungehorsam; im Gegensatz zu unseren Vermutungen aufgrund des Zerfalls unseres Körpers
verliert sich ein Mensch, das bedeutet, das Selbst und die Persönlichkeit eines Menschen,
wie der Heilige Quran erklärt, nicht. Im Vollbesitz all unserer Fähigkeiten werden
wir dem Engel Gottes ausgeliefert. Die Skeptiker meinen mit dem Wort "sich
verloren haben" die Tatsache, daß unser physischer Körper zerfällt; er löst
sich vollständig auf - wie kann er dann wieder zu etwas Lebendem zusammengesetzt werden?
Ein ähnlich liegender Zweifel bezüglich des Zerfalls und der Auflösung des Körpers
wird in einigen weiteren Versen des Heiligen Quran besprochen. Die Erklärung
lautet: Das Verlorengehen findet für unseren mangelhaften Verstand statt. Für den
Menschen ist es eine schwierige, ja unlösbare Aufgabe, den menschlichen Körper wieder
zusammenzusetzen; nicht aber für Gott, dessen Wissen und Macht grenzenlos ist. In den
zitierten Versen stellen die Ungläubigen die Rekonstruktion des physischen Seins des
Menschen in Frage. Aber da weicht die Erklärung ab. Das Problem besteht nicht darin, daß
unser Körper zerfällt und sich auflöst, sondern darin, daß "wir" uns
verlieren, wenn er sich verliert, und "wir" bzw. "ich"
dann nicht länger existieren. In anderen Worten: Die Skeptiker sagen, mit dem Zerfall
unseres Körpers werde unser Selbst vernichtet. Der Heilige Quran stellt im
Gegensatz dazu fest, unser wahres Selbst verliere sich nicht. Es werde direkt nach dem Tod
unseren Engeln ausgeliefert. Daher besteht keine Notwendigkeit, es irgendwo aufzufinden.
Auch der folgende Vers stellt recht explizit dar, daß unser wahres
Selbst (unser Geist), wenn auch unser physisches Wesen sich auflöst, nach dem Tod
weiterlebt:
"Gott beruft die Menschen ab, wenn sie sterben, und diejenigen,
die (noch) nicht gestorben sind, (vorübergehend) während sie schlafen. Diejenigen, deren
Tod Er beschlossen hat, hält er dann zurück, während er die anderen auf eine bestimmte
Frist (wieder) freigibt. Darin liegen Zeichen für Leute, die nachdenken." (Heiliger Quran 39:42)
Dieser Vers stellt die Ähnlichkeit zwischen Schlaf und Tod, Erwachen
und Auferstehung dar. Schlaf ist ein kurzer Tod auf Zeit, und Tod ist ein tiefer und
fester Schlaf. In beiden Fällen geht unser Geist oder unsere Seele von einem in einen
anderen Zustand über. Der Unterschied besteht darin, daß wir ohne Bewußtsein sind,
solange wir schlafen, und wenn wir erwachen, nicht wissen, daß wir in Wirklichkeit von
einer weiten Reise zurückkommen, im Gegensatz zum Tod, wo einem alles klar wird.
Betrachtet man diese drei Verse, so wird einem vollständig deutlich,
daß die Natur des Todes nicht in Sterblichkeit und Vernichtung bestehen kann, sondern in
einem Übertreten von einem in den anderen Zustand. Die Natur des Schlafs aus der Sicht
des Heiligen Quran wurde inzwischen verdeutlicht. Es ist klar, daß der Schlaf,
obwohl er äußerlich und physisch wie eine Befreiung und Entfernung aus dem Machtbereich
der Natur aussieht, für die Seele und spirituell eine Art Flucht und Rückkehr zum
innersten Wesen und den Himmeln ist. Das Problem von Schlaf und Tod ist eines der
ungelösten der Wissenschaft. Was die Wissenschaftler in diesem Zusammenhang bereits
entdeckt haben, deckt nur einen Teil des physischen Vorgangs ab, der im Bereich des
Körpers stattfindet.
Das Leben nach dem Tode
Vollziehen wir die Auferstehung direkt nach dem Tod und sind die
Würfel über unsere Zukunft dann gefallen? Oder betritt man eine spezielle Welt zwischen
Tod und dem Tag des Jüngsten Gerichts? Ohne Zweifel kennt nur Gott den Termin des Tages
des Gerichts; selbst die Propheten (a.s.) wissen nichts darüber.
Folgt man den Aussagen des Heiligen Quran sowie den ihm folgenden
und nicht zu bezweifelnden Botschaften und Berichten des Heiligen Propheten (s.a.s.) und
der reinen Imame (a.s.), so vollzieht keiner die Auferstehung direkt nach dem Tod, weil
der Tag des Jüngsten Gerichts mit einer Reihe von Revolutionen und Umwandlungen in allen
irdischen und himmlischen Körpern wie Bergen, Seen, Mond, Sonne, Sternen und
astronomischen Systemen einhergeht. Nichts wird am Tag des Jüngsten Gerichts in seinem
vorherigen Zustand bleiben. Überdies werden das Erste und das Letzte, der Erste und der
Letzte sich an diesem Tag verbinden. Wir sehen aber, daß die Welt noch existiert und
vielleicht noch Millionen oder Billionen Jahre mit Aberbillionen Menschen, die noch kommen
werden, existieren wird. Aus der Sicht des Heiligen Quran und in Übereinstimmung
mit den genannten sowie einer Reihe anderer Verse wird übrigens in diesem Intervall
zwischen Tod und Jüngsten Gericht keiner jemals einen unbewußten oder sinnlich nicht
wahrnehmenden Zustand durchschreiten. Man betritt nach dem Tod eine neue Lebensstufe, auf
der man alles sinnlich und bewußt wahrnimmt. Man empfindet Freude, Schmerz, Vergnügen
und Sorge. Es besteht eine direkte Verbindung zwischen Vergnügen und Leid einerseits und
unseren Gedanken, unserem moralischen Verhalten und unseren Taten in dieser Welt
andererseits. Dieser Zustand besteht unverändert fort bis zum Jüngsten Tag, an dem eine
Reihe einzigartiger Revolutionen und Veränderungen plötzlich das gesamte Universum vom
fernsten Stern bis zu unserer Erde erschüttern wird. Diese Welt, die für jeden von uns
nur ein eingeschobenes Intervall und eine Zwischenstufe zwischen der Welt und der
Auferstehung ist, wird damit ganz plötzlich enden. Daher besteht die Welt nach dem Tod
dem Heiligen Quran Zufolge aus zwei Stufen, das bedeutet, man durchlebt zwei Welten
nach dem Tod. Die erste ist, wie die gegenwärtige Welt, vorübergehend und wird "Übergangswelt"
genannt. Die zweite ist die Welt des Jüngsten Gerichts und währt ewig. Im Folgenden geht
es nun um die Überganswelt und die Auferstehung.
Die Übergangswelt (Barsach)
Das Wort "Übergangswelt" bzw. "Schranke"
beinhaltet ein Intervall, mit dem der Heilige Quran das Leben zwischen dem Tod und
dem Jüngstem Gericht meint:
"Schließlich, wenn zu einem von ihnen der Tod kommt, sagt er:
'Herr! Laßt mich zurückkehren! Auf daß ich recht handeln möge in dem, was ich
zurückließ! Nein. Das sind nur (leere) Worte von ihm. Und hinter diesen
(Verstorbenen) ist eine Schranke, bis zu dem Tag, da sie erweckt werden." (Heilger Quran 23:99 und 100).
Das ist der einzige Vers, in der das Intervall zwischen Tod und
Jüngstem Tag mit "Übergangswelt" bzw. "Schranke"
(arabisch: Barsach) bezeichnet wird. Die Islamgelehrten haben sich auf diesen Vers
bezogen, wenn sie die Stufe zwischen Tod und Jüngstem Gericht "Übergangswelt"
(Barsach) nennen. Nur insofern bezieht sich dieser Vers auf das Leben nach dem Tod, als er
Leute erwähnt, die nach dem Tod bereuen und darum bitten, noch einmal ins Leben
zurückkehren zu dürfen, was ihnen jedoch verweigert wird. Deutlich zeigt er auf, daß
man nach dem Tod ein Leben führt, das derart gestaltet ist, daß es einem den Wunsch zur
Rückkehr abschlägt. Es gibt viele Verse, die zeigen, daß man zwischen Tod und
Auferstehung ein Leben derart führt, daß man intensiv fühlt, sich unterhält, Freude,
Leid und Kummer empfindet und am Ende eine Art "Glücksgefühl" hat.
Insgesamt fünfzehn Verse stellen in dieser oder jener Weise dar, daß man zwischen Tod
und Jüngstem Gericht ein vollständiges, abgeschlossenes Leben führt. Die Verse gliedern
sich wie folgt:
1. Es gibt eine Anzahl Verse, die sich auf die Unterhaltung zwischen
den tugendhaften bzw. denen die gute Taten vollbracht habenden oder den verderbten,
bösartigen Menschen und den göttlichen Engeln unmittelbar nach dem Tode beziehen, so wie
die Verse 97 der 4. und 99 und 100 der 23. Sure.
2. Es finden sich Verse, die zusätzlich zu den obigen Versen
versichern, daß die Engel den tugendhaften bzw. den Menschen, die gute Taten vollbracht
haben, nach dem Tod und nach der Unterhaltung den Genuß aller Segnungen Gottes anbieten,
d.h. also, sie müssen nicht den Tag des Jüngsten Gerichts abwarten. Folgende zwei Verse
gehören zu dieser Gruppe:
"Die Engel sagen zu denen, die sich auf Erden gut verhalten haben:
'Heil sei über euch! Geht in das Paradies ein (zum Lohn) für das, was ihr getan habt!'
" (Heiliger Quran 16:32)
"Es wurde (zu ihm) gesagt: 'Geh' ins Paradies ein!' Er sagte: O
wüßten doch meine Landsleute, daß mein Herr mir (meine Sünden) vergeben und mich unter
diejenigen aufgenommen hat, denen Ehre zuteil geworden ist'." (Heiliger
Quran 36:26/27).
In den Versen, welche diesen letzten beiden voranstehen, findet eine
Auseinandersetzung zwischen dem Gläubigen (der Familie Jasin entstammend) und seinem
Volke statt. Er lädt sie dazu ein, den Gesandten, die die Leute in Antiochien dazu
aufrufen, Gott allein ergeben zu dienen, zu gehorchen. Dabei erklärt er, daß er diesen
Gesandten selbst glaube und fordert sie auf, seiner Haltung Achtung zu schenken und ihm zu
folgen. Die Verse enthüllen, daß ein Mensch gestorben ist und die Leute ihm keinen
Gehorsam gezollt haben. Da erfährt er Gottes Großzügigkeit und Vergebung in der anderen
Welt und wünscht, sein Volk, das noch am Leben ist, könnte von seinem Glück erfahren.
Diese Ereignisse geschehen offensichtlich vor der Tag des Jüngsten Gerichts, an dem der
Erste und der Letzte sich vereinigen und keiner mehr auf der Erde verweilen wird.
Ein weiterer Punkt ist der, daß es nicht nur einen, sondern mehrere
Himmel für die Gesegneten gibt. Es gibt entsprechend der Nähe, die der Gläubige zu Gott
einnimmt, verschiedene Himmel. Wie übrigens die vom Propheten Abstammenden (a.s.)
feststellen, befinden sich einige dieser Himmel nahe bei der Schranke (der
Übergangswelt), nicht bei der Auferstehung. Konsequenterweise darf man das Wort "Himmel"
in den obigen Versen nicht mit der Auferstehung in Zusammenhang bringen.
3. Es gibt solche Verse, die nicht die Unterhaltung von Mensch und
Engeln implizieren. Sie sprechen direkt vom Leben der segnungswürdigen und Wohltaten
vollbringenden Menschen und ihrem Wohlergehen, sowie von den verurteilten, verderbten
Menschen und ihren Qualen und Leiden in dem Zeitabschnitt zwischen Tod und Auferstehung.
Folgende Verse gehören zu dieser Gruppe:
"Halten diejenigen, die um Gottes willen getötet worden sind,
nicht für tot. Nein (sie sind) lebendig bei ihrem Herrn, und ihnen werden Gaben zuteil.
Dabei freuen sie sich über das, was Gott ihnen von seiner Huld beschert hat, und sind
froh über diejenigen, die ihnen nachfolgen, sie aber noch nicht eingeholt haben, denn
keine Angst soll über sie kommen noch sollen sie traurig sein". (Heiliger
Quran 3:169/170).
"Doch die Leute Pharaos wurden von einer schlimmen Strafe erfaßt,
dem Feuer, dem sie morgens und abends vorgeführt werden. Und am Tag, da die Stunde (des
Gerichts) sich einstellt, (wird es heißen): 'Weist die Leute Pharaos in die schwerste
Strafe ein!' " (Heiliger Quran 40:45/46).
Dieser heilige Vers offenbart zwei Folterarten für die Leute Pharaos.
Eine findet vor dem Tag des Gerichts Anwendung, als "schlimme Strafe"
bezeichnet, wo sie zweimal am Tag dem Höllenfeuer vorgeführt werden, ohne daß man sie
hineinwerfen würde. Die andere findet nach dem Tag des Gerichts ihre Anwendung. Sie wird
als "schwerste Strafe" bezeichnet; dann werden die Leute auf das Kommando
einer Stimme hin ins Feuer geworfen. Der Termin der zweiten Strafe wird nicht klar
genannt, der ersten hingegen wird mit "morgens und abends" festgelegt.
Nach der Interpretation Imam Alis, des Führers der Gläubigen (a.s.) bezieht sich die
erste Strafe auf die Übergangswelt, in der es, wie in dieser Welt, Morgen, Abend, Wochen,
Monate und Jahre gibt, während sich die zweite Strafe auf die Welt der Auferstehung
bezieht, in der die Zeitlosigkeit herrscht.
In allen Berichten Imam Alis, des Führers der Gläubigen (a.s.) über
den heiligen Propheten (s.a.s.) werden auf die Übergangswelt und das Leben von Gläubigen
und Übeltätern unaufhörlich mit Nachdruck hingewiesen. Nach dem Sieg der Muslims im
Kampf von Badr wurde eine Gruppe der arroganten Stammesoberhäupter der Quraisch
umgebracht und in einen Kanal in der Nähe von Badr geworfen. Der Prophet Gottes (s.a.s.)
beugte sich über den Rand und rief ihnen zu: "Was Gott uns prophezeit hat, ist in
Erfüllung gegangen - wie steht es bei euch?" Da sagten einige der Begleiter zum
Propheten Gottes (s.a.s.): "Sprichst du zu den Toten? Hören sie denn, was du
sagst?" Der Prophet antwortete: "Sie hören jetzt besser als ihr."
Entsprechend dieser und anderer Überlieferungen wird der Geist nicht vollständig vom
Körper getrennt, mit dem er über Jahre hinweg zusammen gelebt hat und verbunden war,
wenn auch der Tod den Körper vom Leben trennt. Am zehnten Tag des Monats Muharram hielt
Imam Hussain, nachdem er in Gemeinschaft mit seinen Freunden und Begleitern das
Morgengebet abgehalten hatte, eine Ansprache an sie und sagte: "Habt Geduld und
Standhaftigkeit, der Tod ist nur eine Brücke, die euch von Leid und Schmerz
hinüberführt zu Glückseligkeit, Überfluß und den endlosen Himmelsgefilden."
Überlieferungen teilen uns mit, daß das Leben des Menschen nur ein
Schlaf sei, aus dem man in der Minute erwache, in der man stirbt. Das bedeutet, nach dem
Tod betreten wir eine höhere, vollkommenere Stufe des Lebens. Genauso, wie ein Mensch,
der im Schlafe liegt, in Bezug auf seine Wahrnehmungsfähigkeit schwächer lebt verglichen
mit einem, der wach ist und ein vollständigeres Leben führt, ist das Leben des Menschen
im Diesseits dem im Jenseits zu vergleichen, wo es vollkommener wird. Hierzu sollen nun
zwei Dinge erwähnt werden:
Das erste ist, daß der Mensch in der Übergangswelt - Erzählungen und
Überlieferungen der religiösen Autoritäten zufolge - nur über Probleme des Glaubens
befragt und untersucht wird, während hingegen der Tag der Auferstehung die Behandlung der
übrigen Probleme übernimmt.
Das zweite ist das Glück, das den Verstorbenen durch frommes Handeln
ihrer Nachkommen zuteil wird, die sie für sie begehen. Gaben jeglicher Art für die toten
Eltern, Freunde, Lehrer oder andere Lieben werden als Geschenke betrachtet, deren Resultat
das Glück der Toten ist. Unter diesen Gaben gibt es solche, die regelmäßig sind, wie
z.B. die Einrichtung karitativer Institutionen, die den Leuten permanent Wohltaten
erweisen genauso wie gelegentliche Gaben. Das gleiche Ergebnis kann durch Gebete, durch
Fürbitte, durch eine Pilgerfahrt nach Mekka oder ein einfaches Umkreisen der Kaaba, des
Hauses Gottes in Mekka, und durch zusätzliche Pilgerfahrten erreicht werden. Gott
verbietet manches, aber manche Kinder enttäuschen ihre Eltern vielleicht schwer. Dann
können sie sich aber nach dem Tod ihrer Eltern bessern und ihre Eltern somit
zufriedenstellen. Genauso ist das Umgekehrte möglich.
Der Tag des Jüngsten Gerichts
Der Tag des Jüngsten Gerichtes ist die zweite Stufe des ewigen Lebens.
Im Gegensatz zum Höllenfeuer, das die individuelle und sofortige Ankunft des Menschen
betrifft, geht der Jüngste Tag alle an, das heißt alle Individuen und die gesamte Welt.
Es ist ein Ereignis, das alles und die gesamte Menschheit einbezieht, ein Ereignis, das
die ganze Welt verlebendigt. Die ganze Welt erlangt eine neue Stufe, ein neues Leben, ein
neues System. Der Heilige Quran informiert uns über das großartige Ereignis der
Auferstehung. Ihm folgend, kommen wir zu der Erkenntnis, daß dieser Augenblick mit dem
Erlöschen von Sonnen und Sternen zusammenfällt, damit, daß die Meere über die Ufer
treten, die Unebenheiten sich einebnen, die Gebirge auseinanderbersten, die Erde überall
bebt, allerorts unter Donner ein Umsturz und eine Veränderungen einzigartigen Ausmaßes
stattfinden. Die ganze Welt nähert sich der Zerstörung, Auflösung und Vernichtung aller
Dinge. Danach wird sie wieder aufgebaut und neu belebt, und unter neuen Gesetzen und mit
neuen Systemen, von den vorherigen völlig verschieden, lebt und besteht sie dann für
immer. Im Heiligen Quran wird mit verschiedenen Bezeichnungen und Ausdrücken auf
die Auferstehung Bezug genommen, von denen jeder eine gewisse, ihr zugeschriebene
Bedingung und ein bestimmtes System umfaßt. So wird sie z.B. "Tag der
Auferstehung", "Tag der Versammlung" "Tag der Gegenüberstellung"
genannt, denn der Erste und der Letzte werden, unabhängig von ihre Platz innerhalb der
Geschichte, einander gleichgesetzt sein. Sie wird bezeichnet als "Tag der
Enthüllung der Geheimnisse" oder "Tag der Darlegung all unserer
Taten", weil dann das innerste Wesen offen dargelegt und die verborgenen,
komplexen Wahrheiten entfaltet werden. Der "Tag der Unsterblichkeit" wird
auf die Auferstehung bezogen, da sie unzerstörbar und ewig ist. Ein weiterer Ausdruck
lautet: "Tag des Klagens" oder "Tag der Reue", weil
manch einer bereuen und bedauern wird, sich für diesen "Auftritt" nicht
vorbereitet zu haben. Weil sie das großartigste Ereignis und die bedeutungsvollste
Begegnung darstellt, wird sie "schicksalhafte Botschaft" genannt.
Verbindung
zwischen der diesseitigen und der jenseitigen Welt
Ein wesentliches und sehr bedeutsames Thema, das uns die heiligen
Bücher vorstellen, ist die Verbindung zwischen den beiden Leben. Beide Leben stehen in
Verbindung zueinander. In der jenseitigen Welt erntet man die Früchte der eigenen Taten
der diesseitigen Welt. Reiner, aufrichtiger, wahrer Glaube und eine realistische
Weltsicht, Bewußtsein von moralischen Werten und Befreiung von Üblem, wie Eifersucht,
Täuschung, Betrügerei, Haß und übler Nachrede, sowie gute Taten, wie Gnadenerweise und
Opferbereitschaft, deren Ergebnis die Vervollkommnung der Gesellschaft und der Menschheit
sind, bringen uns zu ewiger Glückseligkeit. Dagegen sorgen Unglauben, Irrglaube,
unmoralische Lebensführung, Egoismus, Selbstsucht, Einbildung, Ausübung von
Unterdrückung und Ungerechtigkeit, Heuchelei, Wucher, Lüge, Fluch, Betrug, Verleumdung,
Verbreitung von Gerüchten, Verführung und Verweigerung von Gebet und Gottesdienst für
ein sehr düsteres, kummervolles, unglückliches Leben im Jenseits. Der Prophet (s.a.s.)
sagt in einem Zitat interessanterweise: "Diese Welt ist ein Acker für die andere
Welt"; (das heißt: Wie du hier säst, so wirst du dort ernten), die Qualität
deiner Ernte hängt davon ab, was du hier säst. Es ist unmöglich Gerste zu säen und
davon Weizen zu ernten, von Dornsträuchern Blumen zu pflücken oder von Colozynther
Datteln. Genauso werden uns böse Gedanken, schlechtes Benehmen und Handeln in dieser Welt
keinen Nutzen in der anderen Welt bringen.
Manifestierung
und Unvergänglichkeit der Handlungen und Errungenschaften des Menschen
Nach dem, was die Verse des Heiligen Qurans und Botschaften und
Berichte der religiösen Autoritäten uns mitteilen, ist der Mensch ewig, und alle unsere
Taten werden irgendwie aufgezeichnet und für immer festgehalten. Am Jüngsten Tag
manifestieren und illustrieren sich dann unsere Handlungen aus der Vergangenheit.
Tugendhafte Handlungen und Errungenschaften manifestieren sich in schöner, attraktiver,
gefälliger Gestalt und werden zum Quell von Freude und Glück, während hingegen böses
Tun sich in häßlicher, ekelerregender, abscheulicher, Schrecken einflößender,
bösartiger Gestalt zeigt und zu einer Quelle von Qual, Marter und Leid wird. Hier
genügen drei Verse des Heiligen Quran und eine Überlieferung zur Illustration
dieser Vorgänge.
"Am Tag, da jeder vor sich versammelt finden wird, was er an Gutem
getan hat, oder an Bösem: Wünschen wird er, daß ein großer Abstand wäre zwischen ihm
und jenem" (Heiliger Quran 3:30).
Dieser Vers vergegenwärtigt uns die Situation des Menschen, der seine
guten Taten als wünschenswert und Wohlgefallen erzeugend erkennen wird, und seine bösen
Taten werden in schrecklicher und häßlicher Gestalt vor ihm erscheinen. Er wünscht
sich, diesen entfliehen zu können, aber das wird nicht möglich sein; in der jenseitigen
Welt werden seine Taten, in manifestierter Gestalt präsentiert, ein von ihm untrennbarer
Teil sein.
" Und sie werden alles vorfinden, was sie getan haben". (Heiliger Quran 18:49)
Generell meint dieser Vers dasselbe wie der vorhergehende.
"Am jenem Tag werden die Menschen in zerstreuten Gruppen
hervorkommen, damit ihnen ihre Werke gezeigt werden. Wenn dann einer (auch nur) das
Gewicht eines Stäubchens an Gutem getan hat, wird er es zu sehen bekommen. Und wenn einer
(auch nur) das Gewicht eines Stäubchens an Bösem getan hat, wird er es zu sehen
bekommen". (Heiliger Quran 99:6-8)
Der Mensch ist ewig. Seine Handlungen und Errungenschaften bleiben
ebenso ewig erhalten. Mit anderen Worten: Der Mensch lebt ewig mit seinen Handlungen und
dem moralischen Verhalten, das er in dieser Welt an den Tag gelegt hat. Sie werden die
ewigen guten oder schlechten Reserven und wohlgesinnten oder bösartigen Gesellen eines
jeden in der Ewigkeit sein. In einem Bericht, der uns überliefert ist, wird erzählt, wie
einer Gruppe von auswärtigen Muslimen die Ehre zuteil wurde, den Propheten Gottes
(s.a.s.) zu treffen. Sie baten ihn um ein paar Ratschläge. Da äußerte der heilige
Prophet einige Tatsachen, von denen eine folgendermaßen lautete: "Da eure
hiesigen Handlungen und euer Benehmen eure jenseitigen lebendigen Freunde und Gesellen
sein werden, versucht, euch gute auszusuchen für die andere Welt". Jemand, der
an ein ewiges Leben glaubt, überlegt bei jedem seiner Gedanken, bei jedem Schritt, in
seinem Verhalten, seinen Handlungen und seinem Benehmen, weil er weiß, daß jedes davon
fortbestehen wird und im voraus in die andere Welt gesandt wird zur Aufbewahrung seines
Lebenswandels hier.
Übereinstimmungen
und Unterschiede zwischen dem Leben in dieser und dem in der anderen Welt
Wenn man über die Übereinstimmungen zwischen dem gegenwärtigen Leben
und dem kommenden nachdenkt, beobachtet man, daß beide Leben wahr und wirklich sind. Man
ist seiner selbst so wie all dessen, was zu einem gehört, bewußt und empfindet Freude
und Leid, Glück und Kummer, Seligkeit und Feindseligkeit. Sowohl menschliche als auch
tierische Instinktorientierung existieren in beiden Leben. Man lebt mit vollständigen
Organen und Gliedern, es gibt Räume und Körper.
Es gibt jedoch mehrere grundlegende Unterschiede, wie folgendes zeigt:
Im Gegensatz zur anderen finden sich in dieser Welt Reproduktion, Geburt, Kindheit,
Jugend, Alter und Tod. In dieser Welt muß man arbeiten, Saat ausstreuen, den Boden
bestellen. Dort aber erntet man und profitiert von den Anstrengungen, die man in dieser
Welt unternommen hat. Diese Welt ist ein Ort der Arbeit und Aktivität, dort ist der Ort
der Erträge und Beurteilungen. Hier läßt sich der Lebenslauf beeinflussen durch
entsprechende Veränderungen in unserem Handeln und Tun. Hier sind Leben und Tod vereint.
Jedes lebende Geschöpf ist verknüpft mit lebloser Substanz. Außerdem bewegt sich alles
Lebende auf den Tod zu, wohingegen die leblose Substanz unter entsprechenden Bedingungen
Leben hervorbringen kann. Im Gegensatz hierzu herrscht dort allein das Leben. Substanz und
Gegenstand, Himmel und Erde, Gärten und Früchte, alles ist Manifestationen der Taten der
Menschen im Leben. Selbst Feuer und Marter besitzen dort Bewußtsein. In dieser Welt
dominieren spezifische chronologische Umstände, Ursache und Wirkung. Auch dort gibt es
Bewegung und Entwicklung; aber es existieren nur der göttliche Wille und das göttliche
Reich. Bewußtsein, Erkenntnis und besonders Sehen, Hören und Empfinden sind wesentlich
stärker entwickelt, anders gesagt, alle Vorhänge und die Sicht verdeckende Gitter sind
entfernt, und man erkennt, wie es der Heilige Quran mitteilt, mit einem
durchdringendem Blick die Tatsachen:
"Wir haben deinen Schleier von dir genommen, so daß dein Blick
heute scharf ist." (Heiliger Quran 50:22)
Wir erleben im Diesseits Niedergeschlagenheit, Langeweile,
Hoffnungslosigkeit wegen seiner Eintönigkeit. Immer läuft man umher, sucht nach etwas.
Hat man das gefunden, wonach man geschaut hat, so freut man sich; aber nach einer Weile
merkt man, daß "das" nicht das war, wonach man gesucht hat. So wird man
rastlos, unzufrieden und sucht immer weiter nach anderem. Deshalb kommt es, daß wir immer
hinter dem her sind, was uns fehlt, und unzufrieden sind mit dem, was wir besitzen. Im
Jenseits ist man mit seiner innersten Natur und Sehnsucht vereint, dem ewigen Leben in der
Nähe unseres Herrn und Schöpfers; da wird man nie unzufrieden, rastlos und besorgt. Der
Heilige Quran sagt hierzu:
"Darin (in den Gärten des Paradieses) werden sie weilen immerdar,
ohne den Wunsch zum Wechsel zu haben". (Heiliger Quran
18:108).
Weil ihnen nach Gottes Willen alles zukommt, was auch immer sie
Wünschen mögen, werden sie nie durch Mängel verwirrt und abgelenkt.
Argumente
und Beweise für die andere Welt im Heiligen Quran
Da unser Glaube an die Auferstehung von unserem Glauben an den Heiligen
Quran und die Überlieferungen des Propheten (s.a.s.) stammt, scheint es unnötig,
irgendwelche Beweise oder wissenschaftliche Anzeichen und Hinweise für die Auferstehung
anzubringen. Um uns die Sache leicht zu machen, erwähnt der Heilige Quran eine
Reihe von Indizien, die uns direkt auf die Auferstehung hinweisen. Diese Indizien wollen
wir kurz darstellen.
Die Argumentation des Heiligen Quran besteht in einer Reihe von
Antworten für die, die an die Auferstehung nicht glauben. Einige dieser Antworten
sprechen die an, die es für unmöglich halten, daß der Jüngste Tag eintritt, und
offenbaren, daß es kein Argument dagegen gibt. Andere Verse gehen weiter und stellen
fest, daß es, wenn man ähnliche Vorfälle in dieser Welt und der anderen in Betracht
zieht, grundlos wird, den Tag des Jüngsten Gerichts als unmöglich abzulehnen. Wieder
andere Verse gehen noch weiter und erläutern die Auferstehung als wesentliches, nicht zu
unterschätzendes, endgültiges Resultat der weisen Schöpfung des Universums. Es gibt
also drei Gruppen von Versen, die allesamt die Verdeutlichung der Auferstehung im Auge
haben. Im folgenden werden sie vorgestellt.
"Er prägt für uns (die wir nicht unsergleichen haben) ein
Gleichnis (als ob über uns etwas Typisches festgestellt werden könnte) und vergißt
(dabei), daß er (selber) geschaffen ist. Er sagt: "Wer wird Knochen (wieder)
lebendig machen, nachdem sie (bereits) morsch geworden sind"?" (Heilier Quran 36:78).
"Sag: Der wird sie (wieder) lebendig machen, der sie erstmals hat
entstehen lassen und der über alles, was mit Schöpfung zu tun hat, Bescheid weiß"
(Heiliger Quran 36:79).
Dieser Vers gibt dem Ungläubigen eine Antwort, der den verrotteten,
morschen Knochen in der Hand hielt. Während er ihn mit den Fingern rieb, zerstäubte das
Knochenpulver in der Luft. Da sagte er: "Wer kann diese zerstäubten Körnchen wieder
zu Leben erwecken?" Der Heilige Quran antwortet ihm, derjenige, der sie am
Anfang erschaffen hat, vermöchte das zu tun. Der Mensch klassifiziert gern
Angelegenheiten in unmögliche und mögliche und geht dabei immer auf seine eigenen
Fähigkeiten und seine Kraft zurück. Dinge, die über unserem Macht- und
Vorstellungsbereich liegen, halten wir für unmöglich. Der Heilige Quran stellt
dazu fest, betrachteten wir unsere Kräfte, so erscheine uns die Auferstehung sicherlich
unmöglich, aber sie kann stattfinden in Anbetracht der Macht, die ursprünglich Leben aus
leblosem Stoff geschaffen hat. Im Heiligen Quran finden sich viele Verse, die die in
Gottes Macht stehende Auferstehung zum Thema haben. Sie erläutern deren Unvermeidlichkeit
in Anbetracht dessen, daß ein gerechter und weiser Gott den Jüngsten Tag fordern muß.
Wie das Wunder der Schöpfung von Leben, das diesem Dekret folgte und in der
Wiederbelebung am Tag des Gerichts folgen. Diese Gruppe von Versen des Heiligen
Quran bietet uns Beispiele und besteht aus zwei Teilgruppen:
Aus den Versen, die spezielle Vorkommnisse zur Sprache bringen, bei
denen die Toten auferweckt worden sind. So redet Abraham (a.s.) zu Gott und bittet ihn,
ihm doch das Geheimnis der Auferstehung zu enthüllen. Als Antwort folgt die Frage, ob er
denn an sie glaube. Er gibt eine bejahende Antwort und erklärt, die Frage habe nur den
Zweck einer Rückversicherung gehabt. Dann befiehlt ihm der Herr, vier Vögel zu erjagen,
ihnen die Köpfe abzuschneiden, sie zu zerlegen und jedes Stück auf einen anderen
Berggipfel zu bringen und dort abzulegen. Würde er die Vögel dann rufen, so würden sie,
zum Leben wiedererweckt, Gottes Befehl gehorchend, auf ihn zufliegen.
Aus den Versen, die sich nicht auf außergewöhnliche übernatürliche
Ereignisse wie die Geschichte von Abraham beziehen, vielmehr auf die gegenwärtige, von
jedem wahrnehmbare Ordnung, innerhalb derer im Herbst und Winter Erde und Pflanzen sterben
und im Frühling zu neuem Leben erwachen. Sie weisen dann darauf hin, daß immer wieder zu
beobachten sei, wie die Natur stirbt und schwach wird nach einer Zeit voll Leben und
Energie. Mit dem Wechsel der Jahreszeit verändern sich die Bedingungen, und Erde, Bäume
und Blumen beginnen wieder ein neues Leben. Dieser Prozeß ereigne sich im gesamten
Universum. Es werde ausgetilgt, erkalte und vertrocknet. Sonne, Mond und Sterne lösten
sich auf und fielen auseinander. Das ganze Universum würde leblos. Aber dieser Zustand
des Todes sei ein vorübergehender. Alles Sein würde zu neuem Leben unter neuen
Bedingungen und in einer neuen Situation erwachen.
Um diesen Sachverhalt klarer zu machen: Wir menschliche Wesen leben auf
der Erde, die im Lauf von 365 Tagen eine Periode von Leben und Sterben durchmacht. Da wir
fünfzig oder sechzig oder vielleicht sogar hundert und mehr Jahre leben können, können
wir diese Erfahrung von Leben und Sterben zahllose Male machen, ohne weiter über Tod und
Wiedergeburt der Erde in Verwunderung zu geraten. Gesetzt den Fall, wir lebten - wie
einige Insektenarten - nur ein paar Monate, und wir seien unintelligent, so würden wir,
der Erdgeschichte und ihrer Jahreszyklen unbewußt, auch Tod und Wiedergeburt der Erde
nicht beobachten und konsequenterweise an diesen Prozeß nicht glauben. Ein Moskito, der
im Frühling zum Leben erwacht und im Herbst oder Winter stirbt, kann sich definitiv die
Wiedergeburt eines Gartens nicht vorstellen. Kann ein Wurm oder ein Moskito, dessen Leben
auf einen Baum oder einen Garten beschränkt ist, sich vorstellen, daß seine Heimat ein
untergeordneter Teil eines größeren Systems, Bauernhof genannt, ist, von dem sein Leben
abhängig ist? Daß die Provinz selbst ein Teil des Landes ist, das seinerseits Teil der
Gesamtordnung der Erde ist, die ihrerseits wiederum einen Teil des Sonnensystems bilden?
Was wissen wir? Alle unsere Sonnensysteme, die Sterne, Sternbilder,
alles, von dem wir wissen, daß es den Naturgesetzen gehorcht, können einem
übergeordneten System untergeordnet sein. Die Entwicklung der Natur über Millionen und
Billionen Jahre hinweg kann Teil eines Tages oder einer Jahreszeit innerhalb eines
größeren Systems sein. Dieser Zeitabschnitt, den unser Leben einnimmt, kann in eine
Periode der Auslöschung und Verwandlung münden. Jenes übergeordnete System, das unser
Sonnensystem, die Sterne und Himmelskörper allesamt einschließt, kann ein neues Leben in
veränderter Gestalt beginnen.
Alle Propheten (a.s.) haben uns mit Hilfe von Gottes Offenbarungen
über die Zerstörung und Auslöschung des Universums und über das neue Leben und die
Auferstehung von den Toten innerhalb einer neuen Ordnung in Kenntnis gesetzt. Wir
beobachten, daß ihre Botschaften verschiedenen Prüfungen auf ihren Wahrheitsgehalt hin
standhalten und glauben daher an das, was sie sagen, auch an jene Wahrheiten von der
Wiedergeburt des ganzen Universums nach einem Zeitabschnitt des Ausgelöschtseins.
Der Heilige Quran macht uns auf die Ordnung von Tod und Leben auf
der Erde aufmerksam, die als winziges Beispiel für ein größeres Leben steht, so daß
wir keinerlei Zweifel mehr an der Auferstehung, die Teil der ganzen Schöpfungsordnung
ist, haben können. Im Heiligen Quran heißt Auferstehung Wiedergeburt, die sich in
kleineren Beispielen bereits auf der Erde beobachten läßt.
Der Prophet (s.a.s.) erklärte:
"Immer, wenn du den Frühling betrachtest, denke an die
Auferstehung."
Der Frühling steht also sozusagen beispielhaft für die Auferstehung.
In einem seiner Gedichte bezieht sich der persische Dichter Maulawi hierauf:
Der Frühling, der dem Herbste folgt,
weist auf die Auferstehung hin,
die Feuer, Wasser, Sonne, Wind und Wolk',
erfassen wird. Und wunderbar
stell'n die Geheimnisse sich offen dar.
So seht, wie die Natur uns zeigt,
wie, was die Erde einst verschlang,
aus ihrem Munde ausgespien wird.
All unser Denken, Glauben - kurz.
Jedes Geheimnis wird von Gott enthüllt.
So säe gute Saat,
denn sie wird fruchtbar sein.
Von demselben Verständnis zeugt eines seiner Gedichte aus der Sammlung 'Diwan-e-Schams':
Bewunderst du der Sonne Untergang,
bedenke: Sie wird wieder aufersteh'n.
Wie könnte denn für Sonn' und Mond
ihr Untergehen schadenbringend sein?
Die Saat, die in die Erde fällt,
sie wächst - und dennoch hegst du Zweifel, blickst
du die Saat der Menschenwesen an?
Der Heilige Quran birgt viele Verse, die von der wahrnehmbaren existierenden
Aufeinanderfolge von Tod und Wiedergeburt handeln.
"Und Gott ist es, der die Winde geschickt hat, worauf sie Gewölk
aufbrachten. Wir trieben es dann einem ausgedorrten Land zu und belebten dadurch die Erde
(wieder), nachdem sie tot war. So vollzieht sich (dereinst auch) die Auferstehung (von den
Toten)" (Heiliger Quran 35:9).
"Und du siehst, daß die Erde erstarrt ist (und kein Leben mehr
zeigt). Wenn wir dann Wasser (vom Himmel) auf sie herabkommen lassen, gerät sie (mit
ihrer Vegetation) in Bewegung, treibt und läßt allerlei herrliche Arten (von Pflanzen
und Früchten) wachsen. Dies (geschieht) deshalb, weil Gott wahrhaftig ist, die Toten
(wieder) zum Leben bringt und zu allem die Macht hat, und weil die Stunde des Gerichts -
an ihr ist nicht zu zweifeln - kommen und Gott (alle), die in den Gräbern sind,
auferwecken wird" (Heiliger Quran 22:5-7).
Es gibt viele derartige Verse, die die Auferstehung als Teil des
Systems von Tod und Leben in der Welt darstellen, wofür es kleine Beispiele auf der Erde
zu beobachten gibt. Die obigen Verse mögen uns jedoch genügen. Der Unterschied zwischen
den Versen dieser und denen der ersten Gruppe besteht darin, daß diese Verse sich nicht
allein auf Gottes Macht stützen, sondern zusätzlich Beispiele für Gottes Macht in der
Natur aufzeigen, wo sie sich in der wahrnehmbaren Welt manifestiert hat und dort ganz
genauso agiert. Die dritte Gruppe von Versen betrachtet die Auferstehung als etwas
Wesentliches und Definitives, und sie erklären im Hinblick auf Gottes göttliches Wesen
ihr Nichtstattfinden für unmöglich. Das kommt auf zwei Weisen zum Ausdruck: Die erste
begründet sich aus Gottes Gerechtigkeit, also: Gott verleiht jedem Geschöpf das, was es
verdient und wert ist. Die zweite basiert auf Gottes Weisheit: Gott hat mit allen
Geschöpfen ein bestimmtes Ziel und einen bestimmten Zweck im Auge gehabt. Die göttliche
Weisheit fordert das Fortschreiben alles Lebendigen hin auf ein gewünschtes Ziel, eine
gewünschte Erfüllung.
Der Heilige Quran sagt: Gäbe es keine Auferstehung, kein ewiges
Leben, keine ewige Seligkeit, nicht Lohn und nicht Strafe, so wäre das ungerecht und
grausam von Gott, und Grausamkeit ist kein Charakteristikum Gottes. Außerdem, wenn es
kein ewiges Leben oder kein bestimmtes, ewig währendes Ende gäbe, wäre die Schöpfung
sinnlos und umsonst, das wiederum widerspricht Gottes Wesen. Mit Bezug auf Gottes
Gerechtigkeit und Weisheit stellen viele Verse die Notwendigkeit und Unvermeidbarkeit der
Existenz eines ewigen Lebens und einer Rückkehr zu Gott heraus. Wir wollen hier zwei
Beispiele aus dem Heiligen Quran anführen, die Gottes Weisheit und Gerechtigkeit
betonen: In der 38. Sure kommt zum Ausdruck, daß diejenigen, die vom Pfade Gottes abirren
und den Tag der Abrechnung in Vergessenheit geraten lassen, schwer bestraft und gefoltert
werden. In den Versen 27 und 28 derselben Sure geht der Heilige Quran dann auf den
Tag der Auferstehung ein:
"Und wir haben den Himmel und Erde und (alles), was dazwischen
ist, nicht umsonst geschaffen. Das meinen (nur) diejenigen, die ungläubig sind. Wehe
denen, die ungläubig sind: Sie werden in das Höllenfeuer kommen! Oder sollen wir (etwa)
diejenigen, die glauben und tun, was recht ist, denen gleichsetzen, die (überall) auf der
Erde Unheil anrichten, oder die Gottesfürchtigen denen, die ein sündhaftes Leben
führen?"
Auf Gottes Weisheit und seine weise Schöpfung wird also im ersten, auf
Gottes Gerechtigkeit und seine gerechte Schöpfung im zweiten Vers hingewiesen. Die Verse
21 und 22 der 45. Sure drücken aus:
"Oder meinen diejenigen, die schlechte Taten begehen, wir würden
sie denen gleichsetzen, die glauben und tun, was recht ist, sowohl in ihrem Leben, als
auch, nachdem sie gestorben sind? Wie schlecht urteilen die doch! Gott hat Himmel und Erde
wirklich und wahrhaftig geschaffen. Und einem jeden soll (dereinst) für das vergolten
werden, was er (in seinem Erdenleben) begangen hat. Und ihnen (d.h. den Menschen, die vor
dem Gericht stehen) wird (dabei) nicht Unrecht getan."
Das Prinzip der Gerechtigkeit erscheint im ersten Vers, das der
Weisheit im zweiten. In den Versen, die dann dem zweiten hier aufgeschriebenen folgen,
werden zur Unterstreichung von Gottes Gerechtigkeit Ziel und letzter Zweck der
Auferstehung am Jüngsten Tag dargestellt. Wir wollen nun klären, inwiefern Gottes
Gerechtigkeit und Weisheit ein ewiges Leben erforderlich machen und inwiefern die
Schöpfung des Universums und der Menschheit sich gegen seine Weisheit und Gerechtigkeit
wenden würden, gäbe es kein ewiges Leben nach diesem vergänglichen, in dem dann mit
unseren Taten abgerechnet würde.
Gottes Gerechtigkeit
Generell bedeutet Gerechtigkeit, demjenigen, der es verdient hat, ohne
jegliche Diskriminierung sein Recht zukommen zu lassen. Ungerecht wäre, dem, der Recht
verdient hat, dieses Recht vorzuenthalten. Diskriminierung, d.h. einigen Leuten ihr Recht
zu gewähren und es anderen vorzuenthalten, ist ebenfalls ungerecht. Erteilt ein Lehrer
seinem Schüler Noten, die unterhalb dessen liegen was er verdient hätte, so handelt er
ungerecht. Genauso ungerecht ist es, einigen Noten zu geben, die ihren Leistungen
entsprechen, und gleichzeitig andere schlechter zu benoten, als sie es verdient haben. In
einer Hinsicht begleitet die Gerechtigkeit die Gleichheit, die zwischen den Menschen keine
Unterschiede macht und nicht diskriminierend unter ihnen aussondert. Gerechtigkeit ist
eine Notwendigkeit für die Gleichheit, d.h. für die Ausübung des Rechts für alle,
entsprechend ihrer Verdienste und ohne jegliche Diskriminierung. Gleichheit bedeutet
nicht: Jedem dieselbe Menge, dieselbe Anzahl. Wäre Gleichheit so, so wäre sie ungerecht
und bedeutete Grausamkeit. Auch die Vorenthaltung jeglichen Lohns für die Verdienste der
Menschen stellt eine Art Grausamkeit dar. Gottes Gerechtigkeit meint daher: Jeder hat
andere Möglichkeiten; Gott belohnt seine Geschöpfe entsprechend ihrer Fähigkeiten und
Möglichkeiten mit seinem Segen.
Mangelt es einem Geschöpf an irgend etwas, so liegt das an seiner
Unfähigkeit, bei gewissen Umständen zu handeln. Es wäre ungerecht, wenn einem
Geschöpf, das nur gewisse Fähigkeiten besitzt, sein voller Lohn vorenthalten würde. Sie
werden in Wirklichkeit aber entsprechend ihrer Eignung mit Gottes Gnade ausgezeichnet. Der
Mensch besitzt unter allen Geschöpfen ihm eigene Fähigkeiten, Möglichkeiten und
Wirkungskraft. Motivationsgrößen und Umstände, die uns an die Arbeit treiben und
aktivieren, sind nicht wie bei den Tieren begrenzt. Im Gegensatz zu den Tieren, die ja nur
im Besitz von Instinkten sind, die sie mit der Natur und materiellen Lebensinhalten
verknüpfen, besitzt der Mensch Instinkte auf höherer Ebene, die über die Begrenztheit
dieser Welt hinausgehen.
Das, was unsere Taten zur Wirkung bringt, sind unsere höchsten
Motivationskräfte, die sich auf moralischer, wissenschaftlicher, religiöser und
göttlicher Ebene befinden. Oft opfern wir unser natürliches, materielles und tierisches
Leben höheren menschlichen Zielen. Wie der Heilige Quran erläutert, regelt der
Mensch sein Verhalten und Benehmen auf der Grundlage von "frommen Taten und
Glaube", die ihm die Sehnsucht nach ewigem Leben und Gottes Zufriedenheit verleihen.
Beides prägt den Menschen: immense Denkfähigkeiten und die Sehnsucht nach der Ewigkeit
sowie der Trieb, der ihn dorthin führt. All das offenbart eine Art Möglichkeit und
Fähigkeit zum ewigen Leben, die der Mensch in sich birgt. Mit anderen Worten: Es
offenbart die individuelle, immaterielle Qualität seines Geistes. Der Vergleich zwischen
einem Menschen in dieser Welt und einem Fötus, der im Mutterleib mit Blut, Atem, Nerven,
Sehen und Hören und seinem Genitalsystem versorgt wird, die alle mit seinem Leben nach
der Geburt zu tun haben, nicht aber mit den Bedingungen im Mutterleib und mit der für ihn
gegenwärtigen Zeit, den neun Monaten Lebens in ihm, ist hier nicht unpassend. Bringen
Glaube und gute Taten auch innerhalb des Diesseits für einen Vorteile und Nutzen, so
folgen diese doch nur in der Konsequenz. Gute Taten und Glaube sind eher wie eine Saat,
die nur in einem glückerfüllten, ewigen Leben gedeiht und wächst, d.h. ihre volle
Bedeutsamkeit entpuppt sich erst in Bezug auf ein ewiges Leben und in einem ewigen Leben.
Es ist nicht nur möglich, über der Natur zu schweben und
nichtmaterielles Saatgut in einem auf Glauben und guten Taten basierenden System
auszustreuen, man kann auch vom rechten Pfad abirren, und die Konsequenzen dafür finden
sich dann ebenfalls jenseits von tierischer Begrenztheit und gewöhnlichen physischen
Beziehungsgrößen. Dann spiritualisieren und verewigen sich unsere Taten eben auf einem
irrigen Wege. Man verdient sich so ein ewiges Leben, das uns unglücklicherweise mit
Todeskampf und Qual und Schmerz versieht. Religiös ausgedrückt: Man wird ins ewige
Höllenfeuer geworfen. Irrt man vom Glauben und von dem Weg der guten Taten ab, so steigt
man in Gefilde ab, die sogar unterhalb des tierischen Lebens liegen, und sinkt auf das
tiefste Niveau. Wie der Heilige Quran es ausdrückt:
"Sie sind (ja) genauso (stumpfsinnig) wie Vieh. Nein, sie irren
noch eher vom Weg ab (als man vom Vieh sagen kann)". (Heiliger
Quran 25:44).
Diejenigen, die vom Glauben und von den guten Taten abfallen, und
diejenigen, die davon abirren, sind Schülern vergleichbar, die im Gegensatz zu denen, die
sorgfältig ihre Hausaufgaben erledigen, ihre Zeit mit Spielen vergeuden. Gäbe es kein
ewiges Leben, das die erste Gruppe belohnte und die zweite bestrafte, so würde beiden der
gerechte Lohn vorenthalten, und das wäre, wenn ein Lehrer seine Schüler nicht benoten
würde. Um diesen Sachverhalt noch deutlicher zu machen, sagen wir: Gott hat die Menschen
aufgefordert, gläubig und wohltätig zu sein. Eine Gruppe von Menschen bringt ihre
Gedanken, Handlungen und ihr moralisches Verhalten mit ihrem Glauben in Übereinstimmung,
weil sie diesen Auftrag annimmt. Andere, die ihn zurückweisen, folgen Untat und
Verderbnis. In der Ordnung dieser Welt beobachten wir, daß sie nicht immer den
Wohltätigen und den Verderbten gerecht nachkommt. Manch einer stirbt, bevor er seinen
verdienten Lohn erhalten hätte; daher muß ein anderer Ort existieren, an dem die
Wohltätigen vollständig belohnt und die Übeltäter vollständig bestraft werden, sonst
wäre es ungerecht von Gott.
Gottes Weisheit
Die Taten des Menschen unterteilen sich in zwei Gruppen. Die erste
Gruppe wird von den Taten gebildet, die umsonst, sinnlos und nutzlos sind und zum Erlangen
von Vollkommenheit innerhalb unserer Kapazität keine Hilfe sind. Sie bringen uns, anders
ausgedrückt, keine wahre Glückseligkeit. Die zweite Gruppe besteht aus weisen,
vernünftigen, geistvollen Taten, die zu brauchbaren, vorteilhaften Ergebnissen führen
und uns hin zur Vervollkommnung führen, die wir verdienen. So sind es die weisen Taten,
die uns zu der Vollkommenheit bringen, die wir wert sind.
Die Frage stellt sich nun in Bezug auf Gottes weise Taten. Sind Gottes
weise Taten ebenfalls dergestalt, daß sie ihn zu einer letzten Vollkommenheit bringen,
und seine sinnlosen Taten, daß sie ihn nicht dorthin leiten? Die Antwort darauf muß
negativ ausfallen, denn Gott genügt sich selbst. Alle Taten Gottes gehören der Weisheit,
Großzügigkeit und Gnade. Er vollbringt seine Taten nicht, um seine Bedürfnisse zu
befriedigen, um sich zur Glückseligkeit und Vollkommenheit zu verhelfen, sondern, um
seine Geschöpfe zu der Vollkommenheit zu, bringen, die ihnen gebührt. Schreibt man Gott
unsinniges Handeln zu, so bedeutet das, daß er Geschöpfe erschafft, ohne sie zu der
Vollkommenheit hinzuführen, die sie verdienen. Die Bedeutung der Weisheit Gottes
unterscheidet sich aus diesem Grunde von der des Menschen. Unsere Weisheit bedeutet: dem
richtigen Pfade folgen, hin zur menschlichen Vollkommenheit; Gottes Weisheit dagegen
bedeutet: die Kreatur führen, hin zur verdienten Vollkommenheit. Anders ausgedrückt: Die
Weisheit Gottes bedeutet Erschaffung der Dinge auf der Grundlage der Rechtleitung hin zu
dem erwünschten Ziel und der gebührenden Vollkommenheit. Da Weisheit für den Menschen
die Erfüllung seiner Aufgabe bedeutet und die Annäherung an seine eigene Vollkommenheit
bedeutet, besteht keine Notwendigkeit einer Verknüpfung seiner Taten mit deren
beabsichtigten Konsequenzen, d.h. es ist nicht notwendig, daß die Tat auch unbedingt in
der Konsequenz münde, und daß diese Konsequenz als vollkommene Erfüllung der Aufgabe
betrachtet werde. Die Konsequenz sollte notwendigerweise in der Vervollkommnung der
Menschheit und dem Nutzen für sie resultieren. Ein Mensch stellt beispielsweise aus Ton,
Holz, Metall, Tierhäuten, Wolle und Baumwolle Gegenstände her, die er weise nutzt. Er
macht daraus Stühle, Häuser, Autos und Kleidung, die nicht die Vollkommenheit für das
Holz, den Stein, den Beton, den Stahl oder die Metallteile sein müssen. Diese Materialien
bewegen sich nicht auf diese Formen und Gestalten zu, aber sie bieten Vorteile für einen
wie das Sitzen auf dem Stuhl, das Leben in einem Haus, das Chauffieren eines Autos und das
Tragen von Kleidern. Das bedeutet für den Menschen Erfüllung seiner zumindest
wohltätigen Aufgabe.
Im Gegensatz dazu stehen nun Gottes Taten und deren Konsequenzen in
wahrer, natürlicher Beziehung zueinander. D.h., Ziel und Ergebnis jeder Aufgabe bedeutet
zugleich wirkliche Vollkommenheit der Aufgabe selbst. Gott leitet seine Schöpfung zu
ihrer eigenen Vollkommenheit hin. Dadurch beobachten wir, daß jedes Samenkörnchen sich
auf sein letztes Ziel und seine letzte Vollkommenheit hin bewegt.
Das Problem, das an dieser Stelle zu besprechen ist, ist, daß Welt und
Natur Revolutionen durchmachen und unstet sind, d.h. daß jedes Ziel innerhalb der Natur
veränderbar und in sich selbst instabil ist. Anders ausgedrückt - alles ist
vergänglich, zeitlich gebunden und beendbar. Alle Stationen innerhalb der Natur sind
gleich Haltestellen, und keine ist die Endstation. Aus diesem Grunde finden viel die
Schöpfung bedeutungslos und sinnlos. Sie vergleichen die Welt mit einer Karawane, die
pausenlos unterwegs ist und von Karawansarai zu Karawansarai zieht und doch nie ihren
Bestimmungsort erreicht. Jede Station ist nur wie ein Halt, wie ihn auch die Natur
passiert. Offensichtlich ist, daß eine Reise nur dann unternommen werden kann, wenn ein
wirkliches Ziel in Aussicht steht. Bewegungen und Reisen sind sinnlos, wenn es keine
Ankunft gibt und alle Zielorte nur Haltestellen sind. So wäre die Existenz unsinnig und
das, was die Weltordnung beherrscht, wäre nur Wanderschaft, konstante Wiederholung,
Abreise und Ankunft eine nach der anderen. Die Erklärung, die uns der Heilige Quran
gibt, lautet, dieses Problem und Zweifel solcher Art würden entstehen, wenn außer der
Natur und dieser Welt nichts wäre und die Geburt nur dem Zweck des Sterbens und jedes
Wachsen und Blühen nur dem des Verdorrens und jede Erneuerung dem des Verhaltens gälte.
Eine solche Lebensanschauung offenbart "unvollkommene Einsicht", wenn man meint,
das Leben beschränke sich auf Welt und Natur, was nicht der Fall ist.
Diese Welt wird dargestellt als "erster Tag", dem der letzte
Tag folgen wird. Diese Welt bedeutet "Abreise", und die Auferstehung
"Ankunft". Imam Ali (a.s.) sagt:
"Die Welt ist ein Ort, den wir hinter uns lassen, und die
Auferstehung der einer ewig währenden Residenz."
Die Auferstehung verleiht dieser Welt ihre Bedeutung, denn Bewegung und
Kampf ohne Ziel wäre bedeutungsleer. Gäbe es keine Auferstehung, eine ewig währende,
unvergängliche Welt, so besäße die Welt keine Endstation, die sie von einer bloßen
Durchgangsstation, einer Haltestelle unterschiede. Das ganze Weltsystem wäre reine
Wanderschaft, und, wie der Heilige Quran es ausdrückt: Die Schöpfung wäre
"eitel", "zwecklos", "keiner Beachtung wert". Die Propheten
(a.s.) sind dazu erschienen, uns von diesem fundamentalen Fehler abzuhalten und uns die
Augen für eine Tatsache zu öffnen, die unser Leben, entgeht sie unserer Beachtung,
bedeutungsleer und vergebens macht, so daß sich die Sinnlosigkeit in unseren Geist
einschleicht und sich dort einnistet, die uns selbst zu unbrauchbaren, bedeutungslosen
Geschöpfen ohne Lebensziel werden läßt. Eine der Wirkungen des Glauben und der
Überzeugung vom Tag des Gerichts ist die, daß er uns aus dem Zustand der Nutzlosigkeit
und des Nichtsseins errettet und uns, unseren Gedanken und unserem Leben Sinn verleiht.
Anmerkung
Die Zitate es Heiligen Quran folgen der Übersetzung von Rudi
Paret, Stuttgart, Berlin, Köln, Mainz, 1979 Kohlhammer (Taschenbuchausgabe) |