Der Regierungsauftrag Imam Alis (a.) an Malik al-Aschtar
Im Namen des barmherzigen und gnädigen Gottes
Dies sind die Regierungsgrundlagen, auf die Ali (a.), Diener Gottes, Sohn des Abu
Talib, Malik al-Aschtar, Sohn des Hareth, bei dessen Ernennung zum Gouverneur von Ägypten
verpflichtet. Malik al-Aschtar wird beauftragt, Steuern einzutreiben, die Feinde zu
bekämpfen, sich für die Verbesserung der Lebensumstände der Bevölkerung Ägyptens
einzusetzen und für das Gedeihen des Landes Sorge zu tragen. Ali weist Malik an, seine
Frömmigkeit vor Gott zu bewahren, der Gehorsamkeit Gott gegenüber Vorrang zu geben und
die Gebote und Verbote der Schrift (Koran) und ihrer Überlieferungen zu befolgen; denn
diese führen allein zu Glückseligkeit, während jeder, der gegen sie verstößt, im
Unheil endet. Er (Imam Ali) beauftragt Malik, Gott, dem Gepriesenen, mit Leib und Seele zu
dienen, denn er - möge sein Name gepriesen sein hat versprochen, seinen Helfern
beizustehen und denen, die ihm Verehrung entgegenbringen, Würde zu verleihen.
Er (Imam Ali) gibt ihm weiter den Auftrag, seine Wünsche zu mindern und zu zügeln,
weil ungehöriges Verlangen ihn zum Unrecht hintreibt, es sei denn, daß der gnadenvolle
Herrgott ihm zu Hilfe komme.
Und nun, oh Malik, sei auf der Hut!
Ich entsende Dich (als Gouverneur) in ein Land, in welchem zuvor schon sowohl die
Gerechtigkeit, als auch die Despotie geherrscht haben. Zweifellos werden die Volksmassen
über Dein Wirken genauso urteilen, wie Du über das Wirken der früheren Staatsmänner.
Sie werden über Dich in gleicher Weise reden, wie Du es über die ehemals Regierenden
tatest.
Den Gerechten und Aufrichtigen wird man jedoch daran erkennen, ob er nach Gottes Wort
handelt.
Mögen Deine kostbarsten und liebsten Schätze im gerechten und aufrichtigen Handeln
bestehen. Beherrsche Deine Leidenschaften und zügle sie im Angesicht dessen, was Dir
nicht erlaubt wurde. Übe um der Gerechtigkeit willen strenge Selbstbeherrschung, ob es
Dir nun genehm oder nicht genehm erscheint. Schließe das Volk in Dein Herz und empfinde
ihm gegenüber aufrichtige Liebe, Zärtlichkeit und Freundschaft. Möge Gott Dich davon
abhalten, wie ein Raubtier auf Beute zu lauern!
Bedenke, daß das Volk aus zweierlei Gruppen besteht: die einen sind Deine Brüder im
Glauben, die anderen sind zumindest menschliche Wesen wie Du. Es kommt vor, daß sie
(beide Gruppen) Verfehlungen begehen oder einer Schwäche erliegen, willentlich oder
versehentlich eine Sünde begehen; dann mögest Du ihnen Deine Nachsicht und Vergebung
nicht vorenthalten, genauso, wie Du Nachsicht und Vergebung von Gott erwartest, denn Du
stehst über ihnen und der, der Dich zum Gouverneur ernannt hat (Imam Ali), über Dir,
Gott jedoch über ihm. Er (Imam Ali) hat Dich dazu aufgefordert, die Angelegenheit des
Volkes zu vertreten. Das Volk ist also ein Prüfstein für Deine Taten.
Denke nicht daran, Malik, Gott den Krieg zu erklären, denn Du kannst weder seine
Strafe ertragen noch auf seine Vergebung und Gnade hoffen. Empfinde niemals Reue, wenn Du
Vergebung geübt, und niemals Freude, wenn Du eine Strafe verhängt hast. Eile nicht dem
Zorn entgegen, dem Du entweichen kannst. Denke niemals bei Dir: "Ich bin der
Befehlshaber und gebe den Befehl, mir muß man gehorchen!" Denn solch ein Gedanke
korrumpiert das Herz und den Verstand, schwächt den Glauben und führt die Regierung in
den Abgrund.
Wenn Deine Macht Dich zu Arroganz und Prahlsucht verführen sollte, dann denke an das
unermeßliche Reich Gottes und seine Allmacht über das, worüber Du nicht zu entscheiden
hast. Solche Überlegungen werden Deine Maßlosigkeit und Deinen Jähzorn beruhigen und
eindämmen und Dich wieder zur Vernunft bringen. Achte darauf, nicht mit seiner Allmacht
zu wetteifern und Deine Macht der seinen entgegen zustellen, denn Gott wird jeden
arroganten und gnadenlosen Tyrannen demütigen.
(Oh Malik), sei gerecht gegenüber Gott und dem Volk einerseits und Dir, Deiner nahen
Verwandtschaft und Deinen Freunden andererseits. Unterdrücke die Volksmassen nicht und
lasse nicht zu, daß Deine Verwandten und Freunde sie in Deinem Namen unterdrücken. Wer
immer die Geschöpfe Gottes unterdrückt, wird sich die Feindschaft Gottes genauso
zuziehen wie die Gegnerschaft jener, die er unterdrückt hat. Jeder Tyrann und
Unterdrücker befindet sich im Krieg gegen Gott, es sei denn, daß er Reue zeigt und von
der Unterdrückung abläßt.
Bedenke, Malik, daß nichts in der Welt so wirkungsvoll Gottes Segnungen in Zorn
umwandelt und nichts seine Vergeltung schneller hervorruft als Unterdrückung und Tyrannei
über seine Geschöpfe. Denn der barmherzige Gott hört die Schreie und Gebete jener, die
unter dem Stiefel der Grausamkeit und Tyrannei zertreten werden, und lauert auf die
Unterdrücker.
Du solltest Dich ausschließlich für eine Politik entscheiden, die weder zu hart noch
zu milde ist, eine Politik, die auf Gerechtigkeit basiert und weit und breit geschätzt
wird, eine Politik, die die Zufriedenheit des Volkes nach sich zieht. Bedenke, daß das
Mißfallen der Allgemeinheit, d.h. der einfachen Menschen, der Habenichtse und
Unterdrückten mehr zählt als der Beifall und die Zufriedenheit der privilegierten
Schicht; das Unbehagen dieser jedoch verliert gegenüber der Zufriedenheit der
Allgemeinheit seine Bedeutung.
Bedenke, Malik, daß diese privilegierte Schicht der Abschaum der menschlichen
Gesellschaft ist. Ihre Sattheit und Selbstzufriedenheit macht sie unbeweglich, und in den
Stunden der Not und des Leids nützen sie Dir am wenigsten. Vor allem verabscheuen sie die
Gerechtigkeit. Unablässig verlangen sie mehr, empfinden jedoch niemals eine Verpflichtung
aufgrund der ihnen erwiesenen Wohltaten; werden ihre Forderungen gerechterweise abgelehnt,
so werden sie niemals einen vernünftigen Grund akzeptieren. Ändert sich die Zeit, wirst
Du sie niemals zuverlässig, treu und loyal finden.
Dagegen sind die einfachen Menschen, die Armen, die Randgruppen unserer Gesellschaft,
die Pfeiler des Islam. Sie bilden in ihrer Geschlossenheit und Solidarität die wahre
Gemeinschaft der Muslime und sind die in Bereitschaft stehende Kraft gegenüber den
Feinden. Sie sollen Deine Anhänger sein, während Du Dir ihr Vertrauen und ihre Sympathie
erwerben sollst.
Verachte und distanziere Dich von denen, die Skandale hervorrufen, Fehler nur bei
anderen finden und Gerüchte über sie verbreiten; diese betrachte als Feinde des Staates.
Es ist jedoch die Pflicht der Regierung, über geringe Mängel hinwegzusehen, denn jeder
Mensch hat Fehler und Schwächen. Du solltest nicht nach Schwächen forschen, die vor Dir
verborgen sind; überlasse das Gott! Du mußt versuchen, den Menschen, deren Schwächen Du
bemerkst, zu helfen, ihre Fehler zu erkennen und zu überwinden. Versuche nicht, die
Schwächen der Menschen herauszustellen, dann wird Gott Deine eigene Schwäche bedecken
und abschirmen, von der Du nicht willst, daß sie der Öffentlichkeit bekannt wird.
Gib den Menschen keinen Anlaß, einander zu beneiden. Versuche, gegenseitiges
Mißtrauen, Feindschaft und Haß unter dem Volk zu beseitigen. Sei unparteiisch und
gerecht in Deinem Handeln gegenüber anderen; sei vorsichtig, damit nicht Deine Person,
Position und die von Dir erwiesene Gunst zu Quellen der Eifersucht und Bosheit werden.
Laß niemanden sich Dir nähern, der Deine Nähe und Gunst nicht verdient. Erniedrige
niemals Deine Würde und Dein Ansehen.
Suche niemals einen Vorwand, um Vergeltung üben zu können, und beharre nicht auf
Dingen, von deren Richtigkeit Du nicht eindeutig überzeugt bist.
Bedenke, daß Denunzianten und Menschen, die Skandale hervorrufen, eine gemeine und
hinterlistige Gruppe bilden, auch wenn sie sich bemühen vorzutäuschen, sie wollten das
Gute und wären aufrichtige Berater. Den Neuigkeiten, die sie verbreiten, solltest Du
nicht glauben, und den Rat, den sie anbieten, solltest Du nicht annehmen, denn sie sind
Verschwörer. Nimm keinen Ratschlag von einem Geizigen an, denn er versucht nur, Dich von
Akten der Nächstenliebe, Selbstaufopferung und anderen guten Taten abzuhalten. Er will
Dir Angst vor Armut und Verelendung einjagen. Erlaube ebenfalls den Feiglingen und
Schwächlingen nicht, als Deine Berater zu fungieren, denn sie werden Dich bei der
Ausführung Deiner Aufgaben entmutigen.
Meide auch gierige und begehrliche Menschen, die nach einer Stellung als Berater
streben, denn sie werden die Gier zu einer Tugend ausschmücken, die Dich bewegt, die
Gemeinschaft auszubeuten und die Menschen zu unterdrücken und zu tyrannisieren, um Dir
ihr Hab und Gut anzueignen. Bedenke, daß Geiz, Feigheit, Gier drei Charaktereigenschaften
sind, die nur aus einem Mangel an Gottvertrauen und Glauben entstehen.
Die schlimmsten und ungeeignetsten Minister würden diejenigen sein, die schon vor
Deiner Zeit unter den tyrannischen Herrschern Ministerposten innehatten und an den
Greueltaten und wüsten Grausamkeiten vorheriger Regierungen beteiligt waren. Solche
Menschen sollten nicht Dein Vertrauen und Deine Freundschaft besitzen, denn sie sind
Komplizen der Sünder und Brüder der Unterdrücker. An ihrer Stelle kannst Du leicht
Menschen finden, die ebenso kompetent und gelehrt sind, jedoch keine sündigen und
kriminellen Charakterzüge entwickelt haben; sie haben weder die Despoten unterstützt
noch den Sündern bei ihren verbrecherischen Taten beigestanden. Solche Menschen werden
Dir weniger Ärger bereiten; sie werden Dir vielmehr die größte Hilfe sein. Sie werden
Dir gegenüber aufrichtig sein und nicht zum Feind hinüberschielen, wenn Du sie in Dein
Vertrauen ziehst. Solche Menschen solltest Du als Vertrauenspersonen bei Deinen geheimen
und öffentlichen Angelegenheiten wählen.
Schenke nur denjenigen unter diesen aufrichtigen und menschlichen Gefährten Dein
volles Vertrauen, die Dir die bittere Wahrheit ohne Furcht vor Deiner Person und Stellung
ungehindert sagen können und sich weigern, Dir zu helfen oder Handlungen auszuführen,
die nicht mit Gottes Willen in Einklang stehen.
Als Deine Gefährten und Freunde sammle aufrichtige, wahrhaftige und fromme Menschen um
Dich. Lehre sie, Dir nicht zu schmeicheln oder Dich zu loben, ohne daß Du es verdient
hättest, denn Schmeichelei und falsches Lob schaffen Arroganz und Überheblichkeit und
lassen den Menschen den Überblick über das tatsächliche Ich und die eigenen Pflichten
verlieren.
Du solltest gute und schlechte Menschen nicht gleich behandeln, denn auf diese Weise
wirst Du die guten Menschen entmutigen, während Du die schlechten ermutigst, ihre
Bosheiten fortzusetzen. Du solltest jeden so behandeln, wie es seinen Taten entspricht.
Bedenke, Malik, daß ein Gouverneur nur dann Vertrauen und Wohlwollen in den Herzen des
Volkes erwecken kann, wenn er diesem Volke gegenüber Güte und Gunst, Rücksicht und
Milde walten läßt, seine Sorgen und Probleme verringert, es nicht grundlos verdrießt
und niemals Dinge von ihm verlangt, die über seine Fähigkeit hinausgehen. Du sollst nur
das tun, was im Volke Optimismus und das Vertrauen zu Dir wachruft, denn das Vertrauen des
Volkes beseitigt Schwierigkeiten und erleichtert Dich um viele Sorgen und Beklemmungen.
Derjenige sollte sich Deines Vertrauens und Deiner Freundschaft erfreuen, dem Dein Handeln
genehm ist; Menschen, denen Dein Handeln nicht gefällt, solltest Du hingegen mißtrauen.
Laß nicht die geschätzten Traditionen außer acht und brich nicht mit jenen Regeln
und Normen, weiche von den Oberhäuptern dieser Glaubensgemeinschaft stammen und Einheit
und Freundschaft unter den verschiedenen Gesellschaftsschichten gestiftet sowie sich als
Wohltat für das Volk erwiesen haben. Verletze diese bewährten Regeln und Traditionen
nicht, und führe nicht an ihre Stelle Neuerungen ein, welche sie beeinträchtigen. Die
Belohnung (für jene Traditionen) werden die bekommen, die sie eingeführt haben, und die
Bestrafung für einen Bruch mit ihnen würde Dein Los sein.
Bemühe Dich verstärkt um konstruktiven Gedankenaustausch und Auseinandersetzung mit
den Gelehrten, Wissenschaftlern und Weisen, um die Ordnung in Deinem Einflußbereich
herzustellen, für das Wohl aller Sorge zu tragen und das, was zuvor dem Zusammenhalt des
Volkes diente, weiterzupflegen. Bedenke, Malik, daß das Volk aus einigen Gruppen besteht.
Die einen können ohne die anderen ihre Aufgaben nicht sinnvoll erfüllen; sie sind
einander unentbehrlich.
Diese Gruppen sind: Die Soldaten der Armee Gottes und die öffentlichen und privaten
Sekretäre. Die dritte Gruppe besteht aus den Richtern, die das Gerichtswesen verwalten
und für die Gerechtigkeit Sorge tragen. Die gerechten Beamten und Verwalter gehören der
vierten Gruppe an. Eine weitere Gruppe bilden die Muslime, die ihre Steuern zahlen, welche
zuvor von der Verwaltung festgelegt wurden, während die Nicht-Muslime dem Staat anstelle
der Steuern Tribut leisten. Die nächste Gruppe setzt sich aus denjenigen zusammen, die
Handel und Handwerk betreiben. Die letzte, jedoch nicht die kleinste Gruppe, sind die
Armen und Habenichtse (die als die niedrigste Schicht der Gesellschaft gelten). Der
barmherzige Gott hat für jede Gruppe Rechte und Pflichten festgesetzt, die entweder in
seinem Buch (dem Koran) niedergeschrieben oder durch die Überlieferungen des Propheten
erklärt worden sind. Sie bilden ein vollständiges Gesetzeswerk, das uns gegeben worden
ist.
Die Aufgabe der Soldaten besteht nach Anweisung Gottes darin, wie eine starke Festung
die Volksmassen zu schützen; sie sind der Schmuck der Staatsmänner, sie verteidigen die
Ehre der Religion und sichern die Wege des Landes. Sie sind die Stütze der Bevölkerung.
Die Armee wird durch die Steuern finanziert, die der Staat eintreibt. Ein Teil dieser
Steuern wurde von Gott als Sold für die Soldaten bestimmt. Mit diesem Betrag sorgen sie
für ihre Ausrüstung und ihren Lebensunterhalt, um für die Sache der Gerechtigkeit zu
kämpfen.
Die Verbesserung der Lebensverhältnisse dieser beiden Gruppen (Soldaten und
Zivilbevölkerung) hängt von der dritten Gruppe der Gesellschaft ab. Diese wird gebildet
von * den Richtern: bei juristischen Fragen und gesellschaftlichen Vereinbarungen obliegt
ihnen die Funktion des Urteilens und der Koordination; * den Bediensteten der
Regierungsbehörden: sie sind verantwortlich für die Sicherung der Volksinteressen; * den
Sekretären: sie sind in öffentlichen und privaten Angelegenheiten die Vertrauensperson
des Volkes.
Das Funktionieren dieses ganzen Bereiches hängt von den Handwerkern ab. Sie richten
sich nach den Bedürfnissen der Gesellschaft und bemühen sich darum, gute Waren
herzustellen. Sie eröffnen Geschäfte, Märkte und Handelszentren, sie beliefern die
Konsumenten mit den lebensnotwendigen Gütern, wozu kein anderer fähig ist.
Wenden wir uns der letzten Gruppe, den Armen und Habenichtsen und den arbeitsunfähigen
Menschen, zu: eine Unterstützung für diese Menschen ist unerläßlich. Man sollte ihnen,
soweit möglich, helfen und sie versorgen.
Sie erfreuen sich der unbegrenzten Gnade Gottes und haben ein Recht auf die
vollständige Zufriedenstellung ihrer Bedürfnisse. Die Verpflichtung hierzu obliegt den
Regierenden.
Denke daran, Malik, daß der allmächtige Gott keinen Regierenden von der ihm
auferlegten Verpflichtung entbinden wird, solange er nicht sein Bestes versucht hat, ihr
nachzukommen und (nach möglichen Fehlschlägen bei der Erfüllung seiner Aufgaben) zu
Gott betet, daß Er ihm dabei helfen möge, solange dieser Mensch nicht standhaft und
geduldig dem Pfad der Wahrheit und Gerechtigkeit folgt und die ihm auferlegten
Verpflichtungen trägt, ganz gleich, ob ihm die Erfüllung nun leicht- oder schwerfällt.
Wohltätigkeit, Aufrichtigkeit und Gottergebenheit sollten den Befehlshaber einer Armee
auszeichnen. Ein solcher Mann sollte dem Propheten und Deinem Imam (Imam Ali) treu ergeben
sein, er sollte überaus fromm und aufrichtig sein, und sein Ruhm sollte auf seiner
Nachsicht, Milde und Güte beruhen. Er sollte weder ein zu träges noch ein zu heftiges
Temperament besitzen; er sollte aufrichtige Entschuldigungen mitfühlend entgegennehmen
und die Entschuldigung akzeptieren. Dem Schwachen gegenüber sollte er freundlich und
mitfühlend, dem Starken und Mächtigen gegenüber indes streng sein. Seine Machtposition
sollte ihn nicht zum Aufbrausen und zu Gewalttätigkeiten verleiten. Einen solchen Mann
lassen eine Niederlage und Schwäche nicht hilflos und niedergeschlagen zurück.
Du solltest mit Persönlichkeiten, denen Edelmut und Menschlichkeit innewohnen, Umgang
pflegen ebenso wie mit gerechten Familien, die hohen Idealen nacheifern und sich ihrer
Vergangenheit nicht schämen müssen, sowie anderen, die von Tapferkeit, Mut,
Großzügigkeit und Großherzigkeit ausgezeichnet sind; diese Menschen können als Quellen
des Edelmuts, der Erhabenheit des Charakters und als Urquell der Frömmigkeit und der
guten Taten betrachtet werden. Wenn Du solche Menschen gefunden und ausgewählt hast, dann
kümmere Dich um sie wie Eltern um ihre Kinder. Sei nicht stolz auf das, was Du ihnen
gegeben hast; vernachlässige nicht Deine wohltätigen Verpflichtungen ihnen gegenüber,
auch wenn diese Verpflichtungen nur unbedeutend sind. Dies führt dazu, daß auch sie Dir
Vertrauen entgegenbringen und Dir Wohltätigkeiten erweisen werden. Bist Du auch der
Meinung, ihren bedeutenden und grundlegenden Problemen genügend Aufmerksamkeit gezollt zu
haben, so versäume dennoch nicht, Deine Augen auch für ihre feineren Bedürfnisse und
Nöte zu öffnen, denn kleine Gunsterweise tragen oft bessere Früchte, obgleich
sorgfältige Aufmerksamkeit für die größeren Lebensbedürfnisse sehr wichtig ist. Unter
den Offizieren sollten diejenigen Deinen höchsten Respekt und Deine Beachtung genießen,
die den Bedürfnissen der Soldaten, die unter ihrem Befehl stehen, die größte
Aufmerksamkeit schenken und ihr Leben in der gleichen Art wie diese gestalten; Offiziere,
die die Soldaten nach besten Möglichkeiten unterstützen, damit sie und ihre Familien,
die zu Hause zurückgeblieben sind, ein glückliches und zufriedenes Leben führen
können. Sehen die Soldaten ihre Bedürfnisse auf diese Weise zufriedengestellt, so werden
sie frei von Kummer und Sorgen tapfer und hingebungsvoll in den Kampf ziehen. Deine
fortwährende Sorge für die Soldaten wird sie Dich immer mehr lieben lassen.
Das Herz des Herrschers sollte vor allem erfreuen, wenn sein Staat gemäß den
Prinzipien der Gerechtigkeit regiert wird und das Volk ihn liebt. Diese Liebe wird es dem
Herrscher jedoch nur dann entgegenbringen, wenn die Herzen des Volkes frei von Haß und
Bosheit sind, wenn es auf den Schutz und die Unterstützung der Staatsmänner zählen kann
und ihre Amtsausübung nicht als Last auf den Schultern des Volkes empfunden wird und das
Volk nicht beständig in dem Wunsche lebt, Deine Regierung möge ein Ende nehmen. Lasse es
daher so viele gerechtfertigte Hoffnungen in Dich setzen, wie es nur kann, und erfülle so
viele davon, wie Dir vernünftigerweise gerechtfertigt erscheinen. Sprich gut von denen,
die Dein Lob verdienen. Bringe ihren guten Taten die gebührende Wertschätzung entgegen
und mache diese guten Handlungen öffentlich bekannt. Die genaue und unverzügliche
Bekanntgabe edler und goldener Taten erzeugt mehr Eifer in den Herzen der Tüchtigen und
ermutigt - so Gott will - auch die Ehrgeizlosen. Mögest Du die guten Taten, die von jedem
einzelnen vollbracht werden, erkennen und dafür dankbar sein. Und lasse nicht einem
anderen als dem, der die Arbeit verrichtete, den Verdienst zukommen. Weder sollte die
Persönlichkeit eines Menschen Dich dazu verleiten, kleine Leistungen überzubewerten,
noch sollte die Bescheidenheit eines anderen Dir Anlaß dafür sein, seine große Tat
unterzubewerten. Laß ihre Position und ihr Prestige nicht Maßstab für die Bewertung
ihrer Leistung sein.
Wenn Du Dich Problemen gegenübersiehst, die Du nicht bewältigen kannst, wenn Du Dich
mit Situationen konfrontiert siehst, die so schwierig sind, daß Du keinen Ausweg aus
ihnen findest, wenn unsichere und zweifelhafte Umstände Dich verwirren und bestürzen,
dann wende Dich an Gott und den Propheten, denn Gott hat jenen, die er leiten will,
befohlen: "Ihr Gläubigen! Gehorcht den Befehlen Gottes, seines Propheten und jener,
die zuständig sind!"
Der Weg, sich Gott zuzuwenden, ist das sorgfältige Handeln nach den klaren und
eindeutigen Versen, die in Seinem Buch (dem Koran) dargelegt sind. Hinwendung zum
Propheten bedeutet, jenen seiner Traditionen zu folgen, welche die Einigkeit und
Geschlossenheit, nicht aber die Zwietracht und Spaltung beinhalten (jenen Traditionen, die
über jeden Zweifel und jede Zweideutigkeit erhaben und im allgemeinen als korrekt
aufgezeichnet akzeptiert worden sind).
Was die Ausübung des Richteramtes betrifft, solltest Du bei der Auswahl der Beamten
sehr sorgfältig sein. Wähle Menschen von vorzüglichem Charakter, die sich auch
schwierigen Aufgaben gewachsen sehen, sich nicht durch Wortwechsel aus der Fassung bringen
lassen und die Ruhe nicht verlieren. Wenn sie bemerken, daß ihnen bei der
Urteilssprechung ein Fehler unterlaufen ist, sollten sie nicht darauf beharren und ihn zu
rechtfertigen versuchen. Wenn ihnen die Wahrheit klar wird oder sich ihnen der richtige
Pfad eröffnet, sollte es nicht unter ihrer Würde sein, den Fehler zuzugeben und zu
korrigieren. Sie sollten nicht korrupt, habsüchtig und begierig sein. Sie sollten sich
nicht damit zufriedengeben, einen Fall oberflächlich zu durchforschen und zu untersuchen,
sondern sollten jedes Für und Wider abwägen und jeden Aspekt des Problems einer
sorgfältigen Prüfung unterziehen; wann immer und wo immer sie zweideutige Punkte finden,
müssen sie weiteren Einzelheiten nachgehen, Streitfragen klären und erst dann ihre
Entscheidung treffen. Den Argumenten und der Beweisführung sollen sie besondere Bedeutung
beimessen. Sie sollten bei langen Erörterungen und Argumenten nicht die Geduld verlieren.
Mit Ausdauer und Geduld sollen sie Details und die Punkte, die als wahr hingestellt worden
sind, überprüfen und mit Sorgfalt eine Trennung von Wahrheit und Unwahrheit vornehmen.
Wenn sich ihnen die Wahrheit offenbart, sollen sie ohne Furcht, Begünstigung oder
Vorurteil ihre Urteile fällen. Sie sollten sich nicht zu Prahlerei und Überheblichkeit
hinreißen lassen, wenn ihnen Komplimente und Lobpreisungen ausgesprochen werden. Sie
sollten sich durch Schmeichelei nicht irreführen lassen. Es gibt jedoch nur wenige
Menschen, die all diese Merkmale auf sich vereinen können. Wenn Du solche Männer als
Deine Richter ausgewählt hast, sollte Dir daran gelegen sein, die Art ihrer Amtsführung
zu überwachen. Zahle ihnen einen angemessenen Lohn, damit sie weder auf andere angewiesen
sind, noch sich zu Bestechung verleiten lassen. Verleihe ihnen ein angemessenes Ansehen
und eine Stellung in Deinem Staat, so daß keine der Dir nahestehenden Personen auf das
Amt versessen ist und die Richter vor den Verschwörungen und Machenschaften der
Staatsmänner geschützt sind. Dieser Aspekt fordert Dein besonderes Augenmerk, denn vor
Dir wurde diese Religion von korrupten und habgierigen Opportunisten bestimmt, die
unzüchtig, begierig und lasterhaft waren und in der Religion nichts anderes sahen als ein
geeignetes Mittel zur Anhäufung des eigenen Reichtums, um sich ihrer Vergnügungssucht
hingeben zu können.
Was die Staatsbediensteten betrifft, so sollst Du ihre Arbeit überwachen. Sie dürfen
erst nach sorgfältiger Oberprüfung ihrer Fähigkeiten und Charaktereigenschaften und
nicht ohne vorherige Beratung oder aus Eigenmächtigkeit ernannt werden. Diese Ernennung
muß zuerst auf Bewährung erfolgen, ohne daß irgendeine Art von Begünstigung gezeigt
oder Beeinflussung gestattet wird, denn die Beeinflussung und der Verzicht auf Beratung
sind die Quellen für jede Art Unterdrückung und Verrat. Achte bei der Auswahl Deiner
Staatsbediensteten darauf, Dich für erfahrene und ehrenwerte Personen zu entscheiden,
also für Mitglieder gerechter Familien oder von Familien, die dem Islam schon in seinen
frühen Tagen gedient haben und zur Vorhut des Islam zählten, denn diese Menschen haben
gewöhnlich den edelsten Charakter und die edelste Ethik und sind frommer. Sie sind nicht
gierig, lassen sich nicht bestechen und führen ihre Arbeit mit Weitblick aus. Bezahle sie
immer angemessen, damit sie zu ihrer Selbsterziehung befähigt werden, nicht in die
Versuchung geraten, sich an Staatsgeldern, die sie verwalten, zu bereichern und damit
ihnen bei einer Nichterfüllung Deiner Anweisungen keine Entschuldigung in die Hand
gegeben wird und sie nicht das ihnen anvertraute Gut mißbrauchen. Beobachte selbst ihre
Handlungsweisen, ernenne aber auch vertrauenswürdige und aufrichtige Männer, die die
Aktivitäten dieser Staatsbediensteten beaufsichtigen. Das Bewußtsein, heimlich
überwacht zu werden, motiviert sie, von Unehrlichkeit, Mißherrschaft, üblen Praktiken
und Tyrannei abzulassen. Dies gilt auch für Deine Gehilfen. Erscheint Dir einer von ihnen
unehrlich und hat Dir Dein Geheimdienst ausreichende und übereinstimmende Beweise für
seine Unehrlichkeit und seinen Verrat vorgelegt, dann sollst Du ihn bestrafen. Die
Bestrafung kann in körperlicher Züchtigung, Entlassung aus dem Dienst und Zurücknahme
all dessen, was der Täter sich unehrlich angeeignet hat, bestehen. Er muß gedemütigt
werden, um ihm die Infamie seiner unehrlichen, schlechten Taten und seinen Verrat zu
Bewußtsein zu bringen. Er muß gedemütigt und bestraft werden, damit dies als Lektion
und abschreckendes Beispiel für andere gilt.
Beim Eintreiben von Staatseinkünften und Steuern sollst Du immer das Wohlergehen der
Steuerzahler im Auge behalten, das von größerer Bedeutung als die Steuern selbst ist,
denn diese Steuern und die Steuerzahler sind die erste Quelle, von der die Wohlfahrt des
Staates und der Volksmassen abhängt; ein Staat lebt von den Einkünften, die er den
Steuerzahlern abverlangt. Der Fruchtbarkeit eines Landes und den aufgrund dieser
Fruchtbarkeit zu erzielenden Erträgen sollte daher mehr Bedeutung beigemessen werden als
dem Eintreiben der Steuern, denn die tatsächliche Besteuerbarkeit eines Volkes ist
abhängig von den Erträgen, die in der Landwirtschaft erzielt werden konnten. Eine
Regierung, die auf den Wohlstand des Volkes und die Fruchtbarkeit des Landes keinen Wert
legt, sondern sich nur auf das Eintreiben der Steuern konzentriert, verwüstet das Land,
bringt den Geschöpfen Gottes Zerstörung und führt sie zum Abgrund. Folglich ist sie
nicht von langer Dauer.
Sollten sich die Steuerzahler einmal bei Dir über den Umfang der Besteuerung, die
Vernichtung der Ernte bedingt durch z. B. Unwetter, Überschwemmungen, Dürreperioden usw.
beklagen, dann ermäßige ihre Steuern, bis Du hoffen kannst, daß ihre Lage sich
verbessert hat. Eine solche Ermäßigung sollte ihnen Gelegenheit bieten, ihre
Lebensbedingungen zu verbessern und ihre Not lindern. Daß daraus eine Verringerung der
staatlichen Einkünfte entsteht, sollte Dich nicht bekümmern, denn das beste Kapital
einer Regierung besteht darin, dem Volk in Zeiten der Not und wirtschaftlicher
Schwierigkeiten zu helfen. Der wirkliche Reichtum eines Landes sind die Menschen; jede
ihnen gewährte Unterstützung, auch in Form einer Steuerermäßigung, wird dem Staat
durch das Gedeihen seiner Städte und die breit angelegte Verbesserung des Landes zugute
kommen. Zugleich wirst Du aufgrund der Gerechtigkeit, die Du im ganzen Land walten läßt,
in die Lage versetzt, die Liebe, Achtung und das Lob des Volkes hervorzurufen und zu
sichern. Ist dies nicht eine beständigere Glückseligkeit? Und nicht nur dies allein,
auch die wohltuende Art, mit der Du regierst, und Deine Menschlichkeit werden so auf die
Menschen einwirken, daß sie Dir in Zeiten Deiner Schwierigkeiten zu Hilfe eilen und Du
Dich jederzeit auf ihre Unterstützung verlassen kannst. Deine Freundlichkeit, Milde und
Gerechtigkeit werden für sie eine Art moralische Schulung sein, und das zufriedene,
glückliche und gedeihliche Leben, für das sie Dir dankbar sein werden, wird die beste
Unterstützung, der stärkste Schutz und der größte Schatz für Dich sein. Später wird
eine Entwicklung eintreten, die es Dir ermöglicht, dem Volk selbst manche Aufgaben,
Tätigkeiten und Verantwortungen zu übertragen; es wird Dir ohne Einschränkung seine
Unterstützung und Hilfe, sein Vertrauen und seine Stärke gewähren und bereit sein, jede
schwere Last auf sich zu nehmen.
Es besteht kein Zweifel daran, daß der wirkliche Grund für die Verwüstung und den
Ruin eines Landes in der Armut des Volkes zu suchen ist. Die Hauptursachen für die Armut
eines Volkes liegen in der Gier seiner Herrscher und Staatsmänner, die ausschließlich
darauf bedacht sind, auf legale oder illegale Art und Weise zum eigenen Nutzen Reichtum
und Besitztümer anzuhäufen. Da sie der Dauerhaftigkeit ihrer Positionen und Stellungen
und ihrer Macht und Herrschaft mißtrauen, trachten sie in der kurzen Zeit ihrer
Verfügungsgewalt einzig danach, den größtmöglichen Gewinn für sich selbst
herauszuschlagen. Sie haben nichts aus der Geschichte der Nationen (und den Lektionen der
Zeit) gelernt.
Auch die Tätigkeit Deiner Sekretäre mußt Du einer sorgfältigen Überprüfung
unterziehen. Du solltest Deine Arbeit nur jenen anvertrauen, die als die besten unter
ihnen gelten. Insbesondere vertrauliche Angelegenheiten und Angelegenheiten, die mit
Staatsgeheimnissen oder der Staatssicherheit verknüpft sind, solltest Du Männern
anvertrauen, die durch ethische Grundsätze, beispielhaften Charakter und große
Aufrichtigkeit ausgezeichnet sind, denen die Position, die Du ihnen übertragen hast,
nicht den Kopf verdreht, so daß sie sich Dir öffentlich widersetzen oder sich so wichtig
dünken, daß sie glauben, Deine Anordnungen mißachten zu können, Dir notwendige
Dokumente vorenthalten oder Dich nicht auf Berichte und wichtige Korrespondenz hinweisen,
die sie in Deinem Namen geführt haben. Besondere Sorgfalt sollte walten, wenn sie im
Namen der Regierung aus einer Position der Schwäche Verträge abschließen oder Abkommen
unterzeichnen, damit dem Staat daraus kein Schaden und keine Ungerechtigkeit entsteht.
Wenn sie Abkommen oder Bündnisse beraten oder behandeln, sollten sie die Interessen des
Staates nicht außer acht lassen; steilen sie fest, daß ein Abkommen gegen die Interessen
des Staates gerichtet ist, dann sollten sie in der Lage sein, es zu annullieren. Achte
darauf, daß sie ihre Position erkennen und die ihnen übertragenen Aufgaben erfüllen,
denn wer seine eigene Position nicht kennt, wird auch die der anderen ignorieren und sie
nicht richtig einschätzen können.
Ein weiteres Wort zu den Staatsbediensteten: Für den Posten eines Staatsbediensteten
sollte nicht Auswahlkriterium sein, daß er Dir persönlich vertrauenswürdig erscheint
und Du Dir eine positive Meinung über ihn gebildet hast, denn es gibt Menschen, die sich
anbiedern und, wenn es ihren Interessen dienlich ist, Fleiß und Treue vortäuschen und
den Mantel der Frömmigkeit und Tugend anlegen und auf diese Weise den Weg in die Herzen
der Regierenden finden, obwohl sie im Innersten ihres Herzens weder aufrichtig und
vertrauenswürdig noch weise, scharfsinnig und wohltätig sind. Daher überprüfe, bevor
Du Dich für einen Mann entscheidest, seine Handlungen und die Dienste, die er Deinen
Vorgängern erwiesen hat. Du solltest diejenigen, die sich im Volke einen Namen gemacht
und sich als vertrauenswürdig erwiesen haben, in Erwägung ziehen. Diese Art der Auswahl
wird ein Beweis dafür sein, daß Du Gott ergeben bist und das Wohlergehen Deines Imam im
Auge hast. Dann mußt Du für jede Abteilung Deiner staatlichen Verwaltung einen Leiter
des Sekretariats ernennen. Er sollte über genügend Weisheit und Wissen verfügen, um mit
allen verworrenen, schwierigen Problemen seiner Regierungsabteilung fertig zu werden;
außerdem sollte er genügend Eifer besitzen, um auch eine große Menge Arbeit bewältigen
zu können.
Über eines mußt Du Dir im klaren sein: auch wenn diese Staatsbediensteten nur mit
einem einzigen Mangel behaftet sind und Du ihn übersiehst, bist nur Du allein
verantwortlich für all das Übel, das daraus entsteht.
(Ich möchte Dir auch einiges zu den Geschäftsleuten und Handwerkern sagen:) Behandle
sie gut und weise in diesem Sinne auch Deine Staatsbeamten an, damit sie gegenüber den
Geschäftsleuten, unter denen es einmal an den Ort gebundene Händler und auf der anderen
Seite Händler, die ihre Waren von einem Ort zum anderen schicken, gibt, und gegenüber
den Handwerkern, die durch ihren eigenen Arbeitseinsatz ihren Lebensunterhalt bestreiten,
der gleichen Politik wie Du folgen. Händler und Handwerker verdienen Sympathie und gute
Behandlung. Sie tragen maßgeblich zum Wohlstand des Landes bei. Sie liefern die
notwendigen Güter. Die meisten von ihnen transportieren ihre Waren über Meere, durch
Wüsten, über weite Ebenen und Gebirge; ihre Frachten bringen sie oft aus entfernten
Ländern, die für den Verkehr noch nicht ausreichend erschlossen sind und wohin im
allgemeinen kaum ein Mensch gereist ist und dies auch nicht wagen würde. Die
Geschäftsleute sind normalerweise friedliebend, so daß von ihrer Seite unheilvolle
Unruhen und aufrührerische Gärungen nicht zu erwarten sind. Um ihre Anliegen mußt Du
Dich kümmern, und zwar ganz gleich, ob sie nun in Deinen Städten und Dörfern Handel
treiben oder im Lande umher reisen.
Zu den Händlern und Unternehmern möchte ich Dir noch folgendes sagen: Während Du
nach Möglichkeit auf ihre Anliegen eingehst, mußt Du andererseits ihre Aktivitäten im
Auge behalten. Es ist Dir bekannt, daß die meisten von ihnen im allgemeinen geizig und
selbstsüchtig und der Sucht nach Geld und dem Anhäufen von Reichtum verfallen sind. So
halten sie häufig für die Allgemeinheit bestimmte Güter zurück, um auf diese Weise
durch künstliche Verknappung und die Schaffung eines Schwarzmarktes die Preise
eigenmächtig in die Höhe zu treiben und mehr Profit herauszuschlagen. Eine derartige
Handlungsweise schadet einerseits der Bevölkerungsmehrheit und gereicht andererseits den
Regierenden zur Schande. Du mußt solchen Praktiken Einhalt gebieten, denn der Prophet -
Gottes Segen möge mit ihm und seinen Nachkommen sein - hat sie ausdrücklich verboten.
Denke daran, daß ein Handel mit Nachsicht, Edelmut und Menschlichkeit abgeschlossen
werden soll, gewogen mit den Waagschalen der Gerechtigkeit und zu gerechten Preisen, so
daß keiner der Handelspartner ausgebeutet wird. Wenn aber trotz aller freundlichen
Behandlung und aller Erleichterungen - und ungeachtet Deiner Ermahnungen - die Händler
und Unternehmer weiterhin Waren horten und Schwarzmarktgeschäfte und Spekulationen
betreiben, dann mußt Du sie gleichsam exemplarisch bestrafen, jedoch ohne das Strafmaß
zu übertreiben.
Um Gottes Willen, Malik, um Gottes Willen, ich warne Dich hinsichtlich der Armen.
Fürchte Gott angesichts ihrer Lebensbedingungen und Deiner Haltung ihnen gegenüber. Sie
haben keine Stütze, keine Reserven und keine Chancen. Sie sind mittellos, haben keinen
Rückhalt und sehen keinen Ausweg. Viele von ihnen sind verkrüppelt, arbeitsunfähig und
an den Boden gefesselt. Einige betteln, andere tun es nicht, um nicht die Achtung vor sich
selbst zu verlieren; doch ihre Not, Verlassenheit und der Mangel, den sie leiden, schreien
zum Himmel. Um Gottes Willen, Malik, schütze sie und ihre Rechte. Diese Verantwortung ist
Dir von Gott auferlegt worden. Setze für sie einen Anteil aus dem Staatsschatz fest;
stelle außerdem einen Anteil aus dem Erlös der in allen islamischen Gebieten
hergestellten Güter zu ihrer Verfügung; denn jeder hat das gleiche Recht auf einen
Anteil, unabhängig davon, wo er sich befindet, sei es nah oder fern.
Ich möchte Dich nochmals daran erinnern, daß Du die Verantwortung dafür trägst,
daß die Rechte der Armen gewahrt werden, und Du Dich um ihr Wohlergehen zu kümmern hast.
Hüte Dich vor Amtsanmaßung, um nicht den Blick für sie und für diese schwere und
wichtige Verantwortung zu verlieren. Du hast einen so wichtigen Posten, daß Du keine
Befreiung von der Verantwortung selbst für kleinste Irrtümer, Unterlassungen oder Fehler
beanspruchen kannst mit der Entschuldigung, Du wärest voll und ganz mit den größeren
Problemen des Staates beschäftigt gewesen, denen Du Dich mit aller Sorgfalt gewidmet
hättest. Daher achte sehr genau auf die Mittellosen und setze Dich persönlich für sie
ein. Vermeide ihnen gegenüber jegliche Arroganz und Eitelkeit. Denke daran, daß Deine
besondere Sorgfalt und Dein Mitgefühl denen gehören muß, die Dich aus eigener
Initiative nicht erreichen können und auf die andere herabsehen, sie sogar voller Ekel,
Abscheu und Verachtung betrachten. Setze für ihre Belange Persönlichkeiten ein, die
vertrauenswürdig, gerecht, gottesfürchtig und bescheiden sind und Dich ständig über
das Schicksal der Armen auf dem laufenden halten. Behandle die Dir Anvertrauten dann so,
daß Du am Tage des Gerichtes Deine Sache auch erfolgreich vor Gott vertreten kannst, denn
von allen Schichten der Gesellschaft verdienen sie vor allem Deine Aufmerksamkeit,
Gerechtigkeit und Deine Sympathie. Wenn auch diese armen Menschen Deine besondere
Sympathie und Gerechtigkeit verdienen, sollst Du, um vor Gott bestehen zu können, Dich
darüber hinaus besonders den Waisenkindern und den Greisen widmen; nicht nur, daß ihnen
keine Unterstützung gewährt wird, manche von ihnen wollen (aus Gründen der
Selbstachtung) auch niemanden um etwas bitten. Sie können Dich nicht erreichen - also
mußt Du Dich ihnen nähern.
Denke daran, daß die Erfüllung dieser Pflicht zwar von den meisten Herrschern als
lästiges Übel betrachtet wird, Gott aber denen, die sich seine Gnade wünschen, in sein
Reich eingehen wollen und sich daher zwingen, diese Last mit Geduld und Ausdauer zu
tragen, diese Arbeit erleichtert und sogar angenehm macht. Sie finden Wohlgefallen daran
und glauben an das Versprechen, das ihnen Gott gegeben hat.
Halte in Deinem Arbeitsprogramm bestimmte Zeiten für diejenigen frei, die Dir ihre
Kümmernisse vortragen möchten. Während dieser Zeit sollst Du keine andere Arbeit
verrichten, sondern ihnen genau zuhören und ihren Problemen und Beschwerden Deine
ungeteilte Aufmerksamkeit schenken. Du mußt deshalb eine öffentliche Audienz nur für
sie anordnen - und behandle sie während dieser Audienzen um Gottes Willen höflich,
freundlich und mit Respekt. Laß auch Deine Ordnungshüter die Halle verlassen, damit
jene, die etwa Beschwerden vorbringen wollen, frei zu Dir sprechen können und sich nicht
aus Furcht zurückhalten.
Den Propheten - der Friede und der Segen Gottes seien mit ihm und mit seiner Familie -
hörte ich oft sagen: "Eine Nation kann nicht das Heil erreichen, wenn die Rechte der
Unterdrückten und Verlassenen nicht garantiert sind und wenn sie nicht direkt und ohne
Hemmungen gegen die Mächtigen und Einflußreichen erkämpft werden." Du mußt auch
daran denken, daß sich zu diesen Audienzen meist einfache Menschen einfinden. Auch wenn
Dir ihr Benehmen mißfällt, sie schimpfen oder sich langatmig und kaum verständlich
ausdrücken, toleriere es. Sei nicht roh und beleidigend, damit Dein Gott auch zu Dir
freundlich und barmherzig sein möge und Dich dafür belohne, daß Du seine Befehle
befolgt hast. Wenn Du ihnen etwas gibst, tu es großzügig, offenherzig und mit leichter
Hand; bist Du aber gezwungen, ihnen etwas abzuschlagen, dann tu es so, daß ihnen Dein
Ablehnen ebenso gefällt wie Dein Gewähren.
Bestimmte Pflichten mußt Du persönlich erfüllen. Dazu gehört das Beantworten der
Briefe Deiner Beauftragten und Staatsbediensteten, was nicht von Deinen Sekretären
erledigt werden kann. Wenn Du glaubst, daß Deine Staatsbediensteten den Beschwerden und
Klagen der Öffentlichkeit nicht gewachsen sind, dann solltest Du Dich persönlich darum
kümmern.
Du mußt die Arbeit eines Tages noch am selben Tage beenden, denn jeder Tag bringt Dir
seine besondere, neue Arbeit. Reserviere aber Deine beste Zeit für die Gebete zu Gott -
obgleich jede Arbeit für den Staat eine Arbeit ist, die Du für Gott leistest,
vorausgesetzt jedoch, daß Du sie ehrlich und zielbewußt verrichtest und das Volk damit
glücklich und zufrieden machst.
Zu den Pflichten, die Du sorgfältig erfüllen mußt, gehören also auch Deine
täglichen Gebete. Sie sollen aufrichtig und regelmäßig verrichtet werden. Setze dafür
eine Zeit am Tage und in der Nacht fest. Du wirst Deine physische Kraft für diese Pflicht
schon belasten müssen - auch wenn Dich das ermüden mag. Verrichte Deine Gebete
aufrichtig und korrekt, aber bete nicht zu lange, damit die, die mit Dir beten, nicht
über Gebühr ermüdet werden; bete jedoch auch nicht zu kurz, damit Deine Gebete nicht
unvollkommen und damit ungültig werden. Denke auch daran, daß unter denen, die hinter
Dir stehen, Kranke oder Menschen, die wichtige Pflichten erledigen müssen, sein können.
Als der Prophet - der Friede und der Segen Gottes seien mit ihm und mit seiner Familie -
mich in den Jemen sandte, fragte ich ihn, wie ich die Gebete verrichten sollte. Er
antwortete: "Bete so wie die schwächste Person, die sich unter Euch befindet und sei
freundlich zu den Gläubigen."
Hüte Dich davor, Dich lange Zeit nicht in der Öffentlichkeit blicken zu lassen, denn
wenn die Regierenden sich zurückziehen, ist dies ein Zeichen dafür, daß der Staat zur
Repression neigt. Es ist Anmaßung, und das Ergebnis einer solchen Haltung ist, daß Du
über die Geschehnisse im Staat unwissend bleibst und ihre Bedeutung und Hintergründe
nicht erkennst; Du wirst kleineren Ereignissen große Bedeutung beimessen und wichtige
Tatsachen übersehen. Und, was noch wichtiger ist, Du verlierst die Fähigkeit, zwischen
Gut und Böse, Recht und Unrecht unterscheiden zu können, wirst das eine für das andere
nehmen oder beide hoffnungslos miteinander vermischen.
Alles in allem ist ein Regierender ein Mensch wie jeder andere. Er bleibt über
Tatsachen in Unkenntnis, über die man ihn auch im unklaren lassen will die
Öffentlichkeit könnte schon das rechte Licht darauf werfen doch so wird das Wahre mit
dem Falschen vermischt und kann nicht mehr unterschieden werden, denn auf der Stirn der
Wahrheit gibt es keine Geburtsmale, durch die man sie von der Unwahrheit unterscheiden
könnte: man hat sich an Tatsachen zu orientieren und das Reale vom Irrealen zu
unterscheiden. Nur so kann man zur Wahrheit gelangen. Denk daran, daß es nur zwei Arten
von Gouverneuren gibt, und zu einer von beiden wirst Du gehören. Du wirst entweder ein
gottesfürchtiger, aufrichtiger und sorgfältiger Sachwalter der Gesellschaft sein, im
richtigen Augenblick das Richtige tun und stets den Prinzipien der Gerechtigkeit folgen,
die Rechte der anderen schützen und Dein Bestes geben, Deine Verpflichtungen gewissenhaft
erfüllen und im Sinne Gottes edelmütig und freigebig handeln. Warum solltest Du dann die
Öffentlichkeit fliehen? Fürchtest Du die Erfüllung des Rechtes, wozu Du doch
verpflichtet bist oder drückst Du Dich vor einer Gunst, die Du zu erweisen hast? Du
kannst ein Geizhals sein, jemand, der sich drückt, wo er großzügig sein sollte. Dann
werden natürlich die Leute, sobald sie Deinen Charakter durchschaut haben, aufhören,
Dich um Wohltaten zu bitten.
Eines solltest Du nicht übersehen: Die meisten Forderungen, die das Volk Dir
vorträgt, kosten Dich persönlich gar nichts, da sie die Durchsetzung von Rechten,
Verpflichtungen des Staates, Beschwerden über staatliche Unterdrückung und Rufe nach
Gerechtigkeit betreffen. Du solltest auch die Tatsache nicht übersehen, daß sich
normalerweise besonders bevorzugte und vertraute Personen um den Gouverneur sammeln; sie
könnten versuchen, Vorteile aus ihren Positionen zu ziehen und zu Selbstsucht, Betrug,
Korruption und Unterdrückung neigen. Wenn Du in Deiner Umgebung solche Leute entdeckst,
dann treibe ihnen solche Motive und Wünsche aus. Laß sie fallen, so eng sie auch mit Dir
verbunden sein mögen. Beende diesen Skandal umgehend und säubere Deine Umgebung von
solch moralischem und geistigem Unrat.
Ländereien darfst Du niemals an Deine Freunde und Verwandten verpachten. Erlaube ihnen
ebenfalls nicht, die Wasserversorgung oder Ländereien, die einen besonderen Wert für die
Gemeinschaft haben, in ihren Besitz zu bringen. Wenn sie dies nämlich erreichen, werden
sie andere unterdrücken, um daraus ungerechtfertigten Profit für sich selbst zu ziehen.
Die Früchte werden sie für sich sammeln - Dir aber bleibt nur ein schlechter Ruf in
dieser und Bestrafung in der nächsten Welt. Setze das Recht gegenüber allen, die es
verdient haben, durch, seien es nun Dir Nahestehende oder Fremde, und auch, wenn es mit
Schwierigkeiten verbunden ist. Trage diesen Kummer mit Geduld, laß ihnen das zuteil
werden, was sie verdient haben, und hoffe auf die himmlische Belohnung. Ich versichere
Dir, es wird Dir gute Früchte einbringen.
Wenn Dir die Leute wegen bestimmter strenger Maßnahmen vorwerfen, Du würdest Dich wie
ein Tyrann und Unterdrücker aufführen, dann tritt ihnen offen entgegen, beseitige ihr
Mißtrauen, konfrontiere sie mit den Tatsachen und laß sie so die Wahrheit erkennen. Das
wird Deinen Gerechtigkeitssinn schulen; dem Volk gegenüber ist es ein Akt des
Entgegenkommens, und das Vertrauen, das Du ihm entgegenbringst, wird es veranlassen, Dein
Bemühen um Wahrheit und Gerechtigkeit zu unterstützen; und wenn Du in der Sache der
Wahrheit seine Unterstützung erhalten hast, wirst Du auch das Ziel erreichen, das Du
anstrebst.
Wenn Dein Feind Dir ein Friedensabkommen anbietet, dem Gott zustimmen könnte, so
verweigere Dich einem solchen Angebot nicht. Denn der Frieden wird Deinen Armeen angenehm
sein und Dich aller Sorgen um die Sicherheit des Landes entheben. Hüte Dich aber selbst
nach einem solchen Abkommen vor den Feinden und schenke ihren Versprechungen nicht
uneingeschränkten Glauben, denn oft schließen sie Friedensverträge und Abkommen nur, um
Dich zu täuschen und zu betrügen und Vorteile aus Deiner Leichtgläubigkeit und
Vertrauensseligkeit zu ziehen. Sei vorsichtig und weitsichtig zugleich, und brich niemals
das dem Feind gegebene Versprechen; nimm ihm niemals die Sicherheit, die Du ihm gewährt
hast, halte Dein Wort, und verstoße niemals gegen die Bestimmungen des Abkommens, das Du
mit ihm getroffen hast. Sei bereit, Dein eigenes Leben auf`´s Spiel zu setzen, um einmal
gegebene Versprechen zu erfüllen und nicht gegen die getroffenen Übereinkünfte zu
verstoßen; denn von allen Verpflichtungen, die Gott dem Menschen gegenüber seinem
Mitmenschen auferlegt hat, ist keine wichtiger als die Einhaltung eines Versprechens. Wenn
sich auch die Menschen in ihren Ansichten und Denkweisen unterscheiden mögen, so stimmen
sie doch darin überein, daß ein Versprechen gehalten werden muß. Selbst die
Polytheisten, die ein ganz anderes Wertsystem besitzen als die Muslime, achten darauf,
Versprechen, die sie einander gegeben haben, zu halten, denn auch sie kennen die bösen
Konsequenzen gebrochener Versprechen. Sei nicht hinterhältig, wenn Du Sicherheit
versprichst, und brich niemals Dein Wort. Greife auch niemals an oder bereite einen
Angriff vor, bevor Du nicht den Krieg erklärt oder ein Ultimatum gestellt hast.
Täuschung und Betrug selbst Deinen Feinden gegenüber ist Betrug gegen Gott; nur ein
unverbesserlicher Sünder würde so etwas wagen.
All dies hat Gott, der Allmächtige, in seiner grenzenlosen Liebe und Güte zur
Grundlage des friedlichen Zusammenlebens aller Menschen erklärt. Daher sollte es - auch
nicht zwischen den Zeilen - weder Betrug noch Verrat und Täuschung geben, wenn Du ein
Versprechen abgibst oder ein Abkommen triffst. Verwende also niemals Worte und
Redewendungen, die verschiedene Deutungen und Interpretationen zulassen. Laß keine
Zweideutigkeiten aufkommen und drücke Dich klar, genau und sachbezogen aus. Versuche
niemals, nach Abschluß eines Abkommens aus einer zweideutigen Redewendung oder einem Wort
einen Vorteil für Dich herauszuschlagen. Befindest Du selbst Dich aufgrund einer
Übereinkunft, die in der Sache Gottes getroffen worden ist, in einer schwierigen Lage,
dann bemühe Dich, Dich der Situation zu stellen und die Schwierigkeiten zu meistern;
versuche aber nicht, die Bestimmungen zu mißachten, denn es ist besser, sich solchen
Schwierigkeiten und komplizierten Situationen zu stellen und Gottes Belohnung und Segen zu
gewinnen, als deswegen ein Versprechen zu brechen. Sonst hast Du - weder im Diesseits noch
im Jenseits - keine Möglichkeit, dem Zorn Gottes zu entrinnen.
Hüte Dich vor der Sünde, unrechtmäßig Blut zu vergießen, denn nichts führt den
Zorn Gottes schneller herbei, nimmt schneller seine Gnade von Dir, läßt Dich seine
Strafe eher verdienen und verkürzt die Spanne Deines Lebens mehr, als wenn Du
unschuldiges Blut vergießt. Am Tage des Gerichtes wird sich Gott zuallererst den Sünden
des Blutvergießens zuwenden, die der Mensch gegen den Menschen begangen hat. Versuche
daher niemals, Deine Macht, Position und Dein Prestige dadurch zu vermehren, daß Du
unschuldiges Blut vergießt. Deine Position wird durch solche Morde nicht gestärkt,
vielmehr können sie Deine Macht vollständig brechen, sie Dir entreißen und dazu
führen, daß sie einem anderen zufällt. Wenn Du mit Absicht einen Menschen getötet
hast, so werden weder Gott noch ich Deine Entschuldigung annehmen, denn vorsätzlicher
Mord wird ausnahmslos gesühnt. Hast Du einen Menschen unbeabsichtigt getötet oder haben
bei der Durchführung rechtmäßiger Strafen Deine Peitsche, Dein Schwert oder auch Deine
Hand unabsichtlich und unachtsam den tödlichen Schlag verursacht - denn auch ein
kräftiger Schlag oder ein Stoß auf das Ohr können schon den Tod zur Folge haben -, dann
weigere Dich nicht aus Überschätzung Deiner Amtsvollmachten, den Erben die ihnen
zukommende Entschädigung zu zahlen.
Hüte Dich, Malik, davor, Eitelkeit und Selbstüberschätzung zu entwickeln, bilde Dir
nichts auf die guten Anlagen, die Du in Deinem Charakter entdeckt zu haben glaubst, oder
auf Deine guten Taten ein. Laß Dich auch nicht durch Schmeicheleien und Komplimente zu
Eitelkeit und Egoismus verführen. Denke daran, daß unter all den Listen und Kniffen, mit
denen er die guten Taten der Frommen zunichte machen und ihre Frömmigkeit zerstören
will, der Teufel vor allem auf Schmeichelei und Lob baut.
Prahle daher nicht mit Gunstbezeugungen und Freundlichkeiten, die Du dem Volk erwiesen
hast, und versuche, Dir Deine Freude darüber nicht anmerken zu lassen. Denke nicht zu
sehr an das Gute, das das Volk von Dir empfangen hat, und brich kein Versprechen, das Du
einmal gegeben hast, denn diese drei Gewohnheiten sind sehr häßliche Charakterzüge: die
Gewohnheit, mit Güte und Wohltaten zu prahlen, löscht Deine Tugenden aus; die
Gewohnheit, zu übertreiben, verschleiert die Wahrheit, und die Gewohnheit, Versprechen zu
brechen, mißfällt Gott und den Menschen. Gott verabscheut es, wenn man nicht tut, was
man sagt.
Überstürze Deine Entscheidungen und Taten nicht. Wenn aber die Zeit für eine Tat
oder Entscheidung reif ist, dann sei auch nicht träge, verschwende keine Zeit und zeige
keine Schwäche. Wenn Du keinen ordentlichen Weg findest, um eine Sache sofort
auszuführen, dann bestehe nicht auf dem falschen Weg, und wenn Du eine gute Lösung
findest, dann sei auch nicht zu phlegmatisch, sie anzunehmen. Kurz, tu alles zu seiner
Zeit und in der richtigen Weise und gib jeder Sache ihren richtigen Platz.
Gib acht, Malik, daß Du nicht größere Ansprüche auf etwas anmeldest, auf das andere
dieselben Anrechte haben. Verschließe Deine Augen nicht vor Fehlurteilen und Übergriffen
Deiner Administration, denn letztendlich wirst Du für das Böse verantwortlich gemacht,
das auf diese Weise anderen zugefügt worden ist. In naher Zukunft werden schlechte Taten
aufgedeckt werden, und Du wirst für das Böse bestraft, das Hilflosen und Unterdrückten
angetan worden ist. Achte also darauf und halte auch Dein Temperament unter Kontrolle.
Zügle Deinen Zorn ebenso wie das Verlangen nach Arroganz und Eitelkeit. Achte auf Deine
Hände, wenn sie bestrafen müssen, und auf die Schärfe Deiner Zunge, wenn sie harte
Dinge sagen muß. Der beste Weg hierfür ist der, keine voreiligen Äußerungen zu machen
und eine Bestrafung aufzuschieben, bis Deine Erregung abgeklungen ist und Du wieder die
vollständige Kontrolle über Dich gewonnen hast. Dies kannst Du nur erreichen, wenn Du
Dir ständig bewußt machst, daß Du zu Gott zurückkehren mußt, und Deine Furcht
größer ist als jedes andere Gefühl.
Versuche, die guten und nützlichen Dinge, die in der Vergangenheit vollbracht worden
sind, jederzeit im Auge zu behalten: die Aktivitäten einer gerechten und wohltuenden
Staatsverwaltung, das Erbe und die Überlieferung des Propheten, die Gebote Gottes, die
durch Sein Buch gegeben wurden, und Dinge, die Du mich tun sahst oder sagen hörtest.
Folge all dem, was ich Dir gesagt habe, und halte Dich an diese Richtlinien. Ich habe
damit versucht, Dich all das zu lehren, was Du über eine gute Regierung wissen mußt. Ich
habe meine Pflicht Dir gegenüber erfüllt, damit Du in den Momenten, in denen Dich Deine
Begierden in Versuchung führen, keinen Vorwand hast; wenn Du aber der Versuchung
erliegst, dann wirst Du vor Gott keine Entschuldigung haben.
Ich flehe zu Gott, daß er in seiner grenzenlosen Gnade und seiner höchsten Macht
unsere Gebete erhören möge und uns beide zu seiner göttlichen Leitung hinführe, damit
wir sein Wohlgefallen erringen, unsere Sache erfolgreich vor ihm vertreten, vor seinen
Geschöpfen einen guten Ruf gewinnen, gute Ergebnisse aus wohltätigem und gerechtem
Handeln erzielen und zur Entwicklung und zum Wohlergehen des Staates beitragen, damit wir
unser Ende als Märtyrer und fromme Menschen erreichen.
Mögen Gottes Frieden und Segen mit dem Propheten und seinem Hause sein. Zu Gott werden
wir alle zurückkehren.